Kulturstiftung
der deutschen Vertriebenen

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Deutsches Kulturerbe des Ostens

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Stand der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Seit vielen Jahren ist die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen regelmäßig mit einem Bücher- und Informationsstand auf der Leipziger Buchmesse vertreten. Galt es zunächst, die Bevölkerung der neuen Bundesländer mit den lange Zeit tabuisierten Themen ostdeutscher Kultur und Geschichte sowie Flucht und Vertreibung zu informieren, so geht es inzwischen darum, auf der international immer mehr an Bedeutung gewinnenden Buchmesse die vielfältigen Aktivitäten und Projekte der Kulturstiftung sowie weiterer, gemäß dem Auftrag des  § 96 BVFG wirkender Institutionen vorzustellen, das reiche deutsche Kulturerbe des Ostens stärker im Bewusstsein der gesamten deutschen Öffentlichkeit und des Auslands präsent zu machen.

Das umfangreiche Begleitprogramm der Messe "Leipzig liest" bietet die Möglichkeit, mit Buchvorstellungen, Lesungen und Podiumsdiskussionen das Messepublikum auf die in den Publikationen behandelte Thematik aufmerksam zu machen.

 

 

Deutsch-tschechische Begegnungen -

Podiumsdiskussion der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
zur grenzübergreifenden wissenschaftlichen Zusammenarbeit

21. März 2010, 15.00 Uhr,
Messegelände Leipzig, Halle 3, "Sach- und Fachbuchforum"

Leitung:
Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll, TU Chemnitz

Teilnehmer:
-
Dr. Milan Jeřábek, Aussig/Ústí nad Labem
-
Dr. Kristina Kaiserová, Aussig/Ústí nad Labem
- Ilona Scherm, Chemnitz

Abgrenzung, nicht Kooperation stand an den Anfängen der sächsisch-böhmischen Wissenschaftsbeziehungen: Als im Jahre 1409 König Wenzel IV. – nicht zuletzt auf Betreiben von Jan Hus – mit dem „Kuttenberger Dekret“ das Stimmenverhältnis in den Gremien der Prager Universität zugunsten der böhmischen Nation veränderte, antworteten hierauf viele der Gelehrten und Studenten, vor allem Deutsche, mit dem Auszug aus der Universität. In Leipzig, wohin sich etliche von ihnen wandten, gründete man noch im selben Jahr eine eigene Alma mater. Die Prager Karls-Universität verlor fortan an Bedeutung, die Leipziger Universität etablierte sich – vor wenigen Monaten konnte sie ihr 600-jähriges Bestehen feiern.

Dieses historische Datum nahm die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen zum Anlass, deutsche und tschechische Hochschullehrer nach dem gegenwärtigen Stand und nach den Perspektiven der kulturellen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit zu befragen – dies im Rahmen einer Podiumsdiskussion auf der Leipziger Buchmesse, die von Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll, Professor für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der TU Chemnitz, geleitet wurde. Auf deutscher Seite beteiligte sich hieran Ilona Scherm, ebenfalls TU Chemnitz, die sich als Koordinatorin der Sächsisch-tschechischen Hochschulinitiative (STHI) zur Aufgabe gemacht hat, den Wissenschaftstransfer zu optimieren und die Verknüpfung von Hochschule, Wirtschaft und Gesellschaft im Grenzraum zu optimieren. Aus Aussig/Ústí nad Labem angereist waren Dr. Milan Jeřábek, Geograph der an der dortigen Universität, sowie die Historikerin Dr. Kristina Kaiserová, die das „Collegium Bohemicum“ mitbegründete und deren Austritt aus dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ jüngst Aufsehen erregte.

Nach der Wende von 1989/90 dauerte es, so Dr. Kaiserová, noch eine Reihe von Jahren, ehe grenzübergreifende sächsisch-tschechische Wissenschaftskontakte geknüpft werden konnten. In Tschechien mussten ebenso wie in der vormaligen DDR die betreffenden Institutionen zunächst umstrukturiert werden, zudem suchte man in Tschechien eher nach Partnern im westlichen Deutschland. Inzwischen verwirklicht etwa die Universität Aussig zahlreiche historische Projekte mit der TU Dresden, der TU Chemnitz und dem Dresdener Mitteleuropazentrum. Wie Dr. Kaiserová verwiesen auch die übrigen Podiumsteilnehmer auf beispielhafte Projekte und damit auf eine fruchtbare und sich intensivierende universitäre Zusammenarbeit. Sie zeigten jedoch auch einige Problemfelder auf. Hierzu gehört, dass die sächsisch-tschechische Kooperation nach wie vor in einem Konkurrenzverhältnis zur Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen im Inland und im europäischen Ausland steht. So sei, worauf Ilona Scherm hinwies, der bevorzugte Partner der Hochschulen jenseits der Grenze nicht unbedingt Prag oder Brünn, sondern Bologna oder Madrid. Für die sächsischen Studierenden gelte Tschechien nicht als der attraktivste Auslandsstudienort und umgekehrt verhalte sich dies genauso. Hierbei spielt natürlich auch, wie Dr. Kaiserová ergänzte, die Sprachenfrage eine Rolle: Tschechische Studenten, die neben Englisch auch gut Deutsch sprechen, seien kaum zu finden. Hinderlich sei zudem, dass inzwischen zwar finanzielle Mittel vorhanden seien, um deutsche Bücher ins Tschechische, nicht aber, um tschechische Bücher ins Deutsche zu übersetzen.

Die Finanzierung der universitären Kooperation erfolgt auf unterschiedlichen Ebenen. Auf deutscher Seite muss nicht zuletzt, worauf Prof. Kroll hinwies, der Freistaat Sachsen genannt werden, der die Kooperation aktiv unterstützt und zahlreiche Projekte, Tagungen und Publikationen über das Staatsministerium des Inneren fördert. Was die staatliche Förderung in Tschechien – ideeller sowie finanzieller Art – anbetrifft,  gibt es gemäß Dr. Jeřábek noch deutliche Defizite. Hier sind die Universitäten stärker auf sich allein gestellt. Die Förderung durch Programme der Europäischen Union ist erfreulich, krankt jedoch, so Ilona Scherm, an der überbordenden Bürokratisierung, die bisweilen vor der Beantragung von Projekten zurückschrecken lässt.

Für Dr. Jeřábek ist es insbesondere wichtig, Sachsen und Nordböhmen gemeinsam als Grenzregion zu begreifen. Die Zusammenarbeit, die von den in dieser Region gelegenen Institutionen selbständig betrieben wird, hält er für effektiver als das, was auf nationaler oder europäischer Ebene angestoßen wird. Als Träger der grenzübergreifenden Zusammenarbeit sieht er Gemeinden, Kreise, Vereinigungen und selbstverständlich die Universitäten. Eine Mitwirkung in der Arbeitsgemeinschaft der europäischen Grenzregionen erscheine sinnvoll, um verstärkt in das sog. „Europa der Regionen“ eintreten. Skeptisch gegenüber der Verwirklichung einer sächsisch-böhmische Grenzregion in absehbarer Zeit äußerte sich dagegen Ilona Scherm. Die Verhältnisse seien schon wegen der naturräumlichen Verhältnisse und der Sprachbarriere deutlich komplizierter als etwa bei der Euroregio an der deutsch-niederländischen Grenze. Hinzu komme, dass die tschechische Bevölkerung sich erst allmählich mit dem Raum, in dem sie nicht groß geworden sei, identifiziere.

Den Hinweis von Dr. Kaiserová, dass im Rahmen der grenzübergreifenden Kooperation alle historischen Themen angefasst würden, es hierbei, wie in der Wissenschaft üblich, zwar unterschiedliche Auffassungen, aber keine Tabus gebe, nahm Prof. Kroll zum Anlass der Frage nach dem nach wie vor strittigen Thema der Vertreibung. Auch über dieses werde, so Dr. Kaiserova, ohne Vorbehalte geredet. Wichtig sei in diesem Dialog jedoch eine europäische Perspektive, die den historischen Kontext beachte und gleichwohl sensibel mit den individuellen Schicksalen umgehe. Verbände und Kulturinstitutionen der Vertriebenen in die grenzübergreifende Kooperation einzubeziehen, erachtet Dr. Kaiserová als unproblematisch: Dies geschehe seit langem. So sei z.B. der Adalbert-Stifter-Verein im wissenschaftlichen Beirat des Collegium Bohemicum vertreten, gebe es gemeinsame Sprach- und Kulturkurse mit der Ackermann-Gemeinde. Als entscheidend für die Aufarbeitung von belasteten historischen Themen wie der Vertreibung sieht Ilona Scherm die Begegnung und das gegenseitige Kennenlernen der Studierenden. Sie wertete als positives Beispiel die Initiative von Antikomplex in Prag, dessen Mitglieder bei der Bevölkerung und in den Schulen die Geschichte des Grenzlandes bewusst machen.

 

 

600 Jahre nach dem Auszug der deutschen Studenten aus Prag und der Gründung der Universität Leipzig scheint damit die sächsisch-tschechische universitäre Kooperation – trotz mancher Hindernisse – auf gutem Wege. Ob die wissenschaftlichen und kulturellen Kontakte aber tatsächlich Vorarbeit leisten bzw. ein Motor sein können für die Entzerrung der historischen und politischen Kontakte zwischen Sachsen und Böhmen bzw. Deutschland und Tschechien, dürfte nicht nur von staatlicher Förderung abhängen, sondern vor allem vom nachhaltigen Engagement und der historischen Sensibilität der vor Ort beteiligten Personen und Institutionen.

 

Diese Veranstaltung wird gefördert vom
Sächsischen Staatsministerium des Innern