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Deutschland und
seine Nachbarn -
Forum für Kultur und Politik
Allgemein zu der Reihe siehe unter
Publikationen.
Der folgende Auszug (ohne Anmerkungen und Literaturhinweise) ist dem 2001
neuerschienenen Heft 28 der
Reihe entnommen.
Klaus Hornung
Hans
Rothfels und die Nationalitätenfragen
in Ostmitteleuropa 1926 – 1934
In
Erinnerung an den 12. April 1891
und an den 22. Juni 1976
„Die Gegenwart hat ein schlaffes Gedächtnis.“
(Hermann Rauschning, 1929)
In seinen Lebenserinnerungen aus dem Jahr 1840 hat Ernst Moritz Arndt von den Menschen und Dingen der Jahre um 1780 bis 1790 gesagt, sie stünden „schon gleich ein paar Jahrhunderte von uns geschieden, so ungeheuere Risse haben die letzten fünfzig Jahre durch die Zeit gerissen“. Der Berliner Osteuropahistoriker Wolfgang Neugebauer hat kürzlich in einer Arbeit über Hans Rothfels Arndts Eindruck von der Revolutionsepoche vor 200 Jahren in Analogie zu unserem eigenen „totalitären Zeitalter“ im 20. Jahrhundert gesetzt. Das, was sich erst vor wenig mehr als fünfzig Jahren ereignete, die tiefe Zäsur des Jahres 1945, die uns von jenem deutschen und europäischen Osten trennte, der bis dahin ein selbstverständlicher Teil unserer Geschichte und Gegenwart gewesen war, scheint schon Jahrhunderte zurückzuliegen. Der historische Osten erscheint – insbesondere den jüngeren Generationen – wie in einem Abgrund versunken.
Hier hat der Historiker eine Aufgabe, die seit dem Umbruch von 1989/91 möglich gewordene, wenn auch noch immer nur zögernd in Gang kommende „Wiedervereinigung Europas“ zu nutzen für eine Wiederentdeckung, Rekonstruktion und Bilanzierung des osteuropäischen Raumes und seiner Geschichte. Es gilt, unsere allzu lange auf „den Westen“ verengten Perspektiven zu erweitern, unserem Geschichtsbild wieder einige wesentliche Dimensionen hinzuzufügen, wozu dann auch und nicht zuletzt Historiker gehören, „die selbst noch in der untergegangenen ostmitteleuropäischen Umgebung vor 1945 lebten und forschten, die als letzte Generation eine geschichtliche Welt vor dem Untergang erlebten, erfuhren und zum Ausgang ihrer Forschungen machten“. Hans Rothfels war während der achteinhalb Jahre seines Wirkens an der Albertus-Universität in Königsberg einer der bekanntesten von ihnen geworden. Und der vom NS-Regime erzwungene Abbruch seiner dortigen Arbeit war selbst schon Teil und Vorbote der heraufziehenden Tragödie.
Die Vergegenwärtigung ist umso wichtiger als in die von jener Zäsur gerissenen Verluste unsres geschichtlichen Bewußtseins „perspektivische Verzerrungen, ja Verirrungen einer ‚engagierten‘ Geschichtswissenschaft“ sich eingenistet haben, „die sich allzu sehr in den Bann politischer Missionen und Konjunkturen schlagen ließ“. Im Zusammenhang mit der problematischen „geschichtspolitischen“ Debatte um Wissenschaft und Leben von Werner Conze und Theodor Schieder in der Zeit des Nationalsozialismus ist auch Hans Rothfels und die sogenannte „Königsberger Geschichtswissenschaft“ um 1930 in den Bannstrahl „moderner Generalkritik“ einer gewissen Geschichtswissenschaft geraten, die mit ihrer „hochgradig moralisierenden Tendenz und geschichtspolitischem Interesse allenthalben nach Nähe und „Wegbereitung“ des Nationalsozialismus sondiert. So wurde es möglich, daß auch Hans Rothfels, der 1934 seiner jüdischen Herkunft wegen von den Nationalsozialisten aus dem Königsberger Lehramt vertrieben und nach den üblichen Demütigungen noch kurz vor Kriegsausbruch 1939 in die Emigration getrieben wurde, beim letzten Deutschen Historikertag in Frankfurt unter „die deutschen Historiker im Nationalsozialismus“ eingereiht wurde. Und es fehlte dann auch nicht an leichtfertigen publizistischen Urteilen, wie etwa, Rothfels habe „ungeachtet seiner jüdischen Herkunft eine deutschnationale und völkische Geschichtsschreibung propagiert“ und sein konservatives Denken, das sich mit Edmund Burke auf die „Kette der Geschlechter“ berief, die „Arbeit und Blut in den Boden gegeben haben“, habe „sich mit dem nationalsozialistischen Gedankengut“ bestens vertragen.
Mit einigen suggestiven Stichworten hat man versucht, ein vorurteilsvolles Bild von Rothfels in den Königsberger Jahren zu entwerfen. Er habe als „revisionistischer“ Historiker den „Volksbegriff zum geschichtswissenschaftlichen Paradigma“ im Dienst seiner „wissenschaftspolitischen Ostmission“ erhoben. Als „aufsteigender Protagonist der völkischen Wissenschaft“ habe er im Dienst des „Volkstumskampfes im Osten“ zu einer „beständigen Radikalisierung der Fachwissenschaft“ beigetragen mit dem Ziel einer „dynamisch-politischen Sprengwirkung“ gegen den Status quo in Ostmitteleuropa. In diametralem Gegensatz zu Rothfels’ expliziten Aussagen und Prämissen und seiner klaren Distanz zum biologischen Rassebegriff unterstellte ihm ein Nachwuchshistoriker bedenkenlos, „die Kategorie ‚Volk‘ als ein natürlich erscheinendes Kriterium der Zugehörigkeit zum deutschen Volk, als blutsmäßige, rassische Gemeinschaft“ verstanden zu haben. Am Schluß des Rothfels-Kapitels einer Dissertation an der Universität Halle-Wittenberg faßte der Autor seine „Kritik“ in der Behauptung zusammen, es lasse sich „keine eindeutige Trennlinie zwischen den jungkonservativen Neuordnungsvorstellungen (von Rothfels hinsichtlich Ostmitteleuropa; K.H.) und der nationalsozialistischen Rassenideologie“ ziehen, „der Mythos vom Volk (habe) leicht in den Mythos des Blutes und der Rasse übergehen“ können. An die Stelle von Belegen und Argumentation tritt der schlichte Zirkel des quod erat demonstrandum und eine Dämmerung, in der nicht die Eule der Minerva ihren Flug beginnt, wohl aber alle Katzen mehr oder weniger „braun“ erscheinen sollen.
Zur Ehre des Fachs muß freilich gesagt werden, daß in der betreffenden Sektion des Frankfurter Historikertags eine Anzahl von Fachvertretern den moralischen Rigorismus in den „ex-post-Urteilen“ mancher Jüngeren in seine Grenzen wies und dazu aufforderte, den „Erfahrungshorizont und Gedankenhaushalt“ der deutschen Historiker nach dem Ersten Weltkrieg entsprechend „den Regeln geschichtswissenschaftlichen Arbeitens wie den Grundsätzen historischer Gerechtigkeit“ angemessen zu vergegenwärtigen; es gelte, „die einzelnen Äußerungen in ihren Zusammenhängen zu verstehen und die Akteure in ihrer Zeit zu behandeln“. Hans Ulrich Wehler umriß die „historisch-biographischen Parameter“ der um 1930 in Königsberg Lehrenden und Studierenden, insbesondere die „traumatisierende Erfahrung der Weltkriegsniederlage von 1918“ und die „seit dem Ersten Weltkrieg immens verschärften Nationalitätenkonflikte“ in Ostmittel- und Südosteuropa. Im gesamten Raum der bisherigen „multinationalen habsburgischen, osmanischen, russischen und preußisch-deutschen Reiche mit ihrer unentwirrbaren ethnisch-kulturellen Mischsiedlung“ waren nach dem Krieg Nachfolgestaaten gemäß dem Prinzip der nationalen Selbstbestimmung entstanden und damit eine Konfliktzone, wo insbesondere die „vermeintliche und faktische Diskriminierung der jeweiligen deutschen ‚Volksgruppen‘ wie der ständig schmerzende Stachel eines historischen Unrechts, das wiedergutzumachen sei“, wirken mußte.
In der Argumentation Wolfgang J. Mommsens vertrat Rothfels die Überzeugung, daß in Ostmitteleuropa mit seiner ethnisch-nationalen „Gemengelage“ die westeuropäische Nations- und Nationalstaatsidee nicht anwendbar war. Rothfels habe deshalb einen Nationsbegriff vertreten, der „sich in erster Linie an den kulturellen Leistungen einer ‚Volksgruppe‘ über lange historische Zeiträume hinweg orientierte“ und „nicht primär ethnisch, geschweige denn rassisch geprägt“ war. Hans Mommsen machte auf den kategorialen Unterschied zwischen der aus Volks- und Sozialgeschichte seit den zwanziger Jahren erwachsenen „Ostforschung“ und der vor allem an einem historisch-kulturellen Volksverständnis orientierten Osteuropa-Geschichte aufmerksam. Während die erstere früher oder später den „faustischen Pakt“ mit dem Rassenimperialismus des NS-Regimes schloß, vertraten die Osteuropahistoriker zwar mehrheitlich „ebenfalls revisionistische Zielsetzungen, hatten aber doch einen Ausgleich mit den osteuropäischen Ländern im Auge“. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung sei die eher konservative Osteuropa-Geschichte dann vor allem aus der Politikberatung „regelrecht ausgeschaltet“ worden, wohingegen die Ostforschung immer mehr zu einem Instrument der „systematischen Volksbodenpolitik“ des Regimes wurde, die dann von Himmlers „Generalplan Ost“ und seinen Nachfolge-Plänen in die Tat umgesetzt wurde und mit ihren rücksichtslosen Aus- und Umsiedlungen schließlich in die Verbrechen der Genozide mündete. Hans Mommsen charakterisierte die NS-Politik im Osten seit Kriegsbeginn treffend als „zynische Mißachtung geronnener historischer Strukturen“ mit einem im Kern „ahistorischen Grundzug“ des „chiliastischen Politikverständnisses“ der Nationalsozialisten. Von ihm war in der Tat das Volks-, Staats- und Kulturverständnis eines Historikers wie Rothfels durch einen Abgrund geschieden.
Die Frage nach der eigenen „Generationenlage“ im Strom der Geschichte hat Rothfels immer wieder beschäftigt. Im Vorwort seiner Sammlung „historischer Abhandlungen, Vorträge und Reden“, die unter dem Titel „Ostraum, Preußentum und Reichsgedanke“ noch 1935 erscheinen konnte, hat er mit Freimut und ohne Anpassung an die neuen Machthaber von der „bestimmten Generationenlage“ nach dem Ersten Weltkrieg gesprochen, in die er sich gestellt sah. Dieses Vorwort wie auch die in den zwanziger und dreißiger Jahren geschriebenen Beiträge des Bandes können als authentische Quelle seiner politischen Überzeugungen und wissenschaftlichen Prämissen in dieser Zeit gelten.
Die Söhne des nationalen und liberalen Bürgertums, aus dem Rothfels kam, hatten schon vor dem Krieg manche Skepsis gegenüber der veräußerlichten und hurrapatriotischen Väterwelt in sich aufgenommen. Der Einfluß Friedrich Nietzsches und seines Bildes eines neuen Menschen war allenthalben spürbar. Manche hatten in Wandervogel und Freideutscher Jugend ihre eigenen Wege beschritten. Auch im Freiburger Seminar Friedrich Meineckes, in dem Rothfels 1909 sein Geschichtsstudium begann, war das Bewußtsein verbreitet, daß die Gegenwart der Erneuerung bedurfte. Als ihre Quellen verwies der Lehrer auf die geistigen Kräfte der Goethezeit und der idealistischen Philosophie von Fichte bis Hegel und nicht zuletzt der preußisch-deutschen Reform und Erhebung von 1807 bis 1815, deren führende Gestalten, der Freiherr vom Stein oder Wilhelm von Humboldt wie auch die Militärreformer Scharnhorst, Gneisenau und Boyen, staatspolitische und ethisch-politische Maßstäbe setzten. Diese junge akademische Generation hat dann den Enthusiasmus des August 1914 sehr bewußt geteilt als das „große Wunder der Entindividualisierung“, wie der 23jährige Hans Rothfels seinem Freund Siegfried Kaehler am 2. August 1914 schrieb. Doch die Hoffnungen nationaler Einheit über Standes- und Klassengrenzen hinweg erfüllten sich nicht. Der Krieg und sein Ausgang bestätigten vielmehr das schon seit längerem vorhandene Gefühl des Endes der „bürgerlichen Sekurität“.
Die Erfahrung des Zusammenbruchs 1918 erschien den aus Krieg und Lazaretten zurückkehrenden „zufällig Übriggebliebenen“ der Frontgeneration als Verpflichtung, über die tieferen Ursachen des Geschehens sich Rechenschaft zu geben und Klarheit über die eigene Generationenlage zu gewinnen. Die Voraussetzungen, unter denen man die wissenschaftliche Arbeit nach dem Kriege wieder aufnahm, hatten sich grundstürzend geändert. Die „drängenden Gegenwartsaufgaben“ geboten auch und gerade der Wissenschaft „die Zurückführung auf die Elementarfragen der staatlichen und nationalen Existenz“ und damit die Abwehr „jeder Versuchung einer ästhetisierenden Geschichtsbetrachtung oder einer bloßen Flucht ins Geschichtliche“. Es war in diesem Zusammenhang, daß Rothfels den heute so kritisierten Begriff der Historie als „politischer Wissenschaft“ verwendete, dessen Kontext freilich zur Kenntnis genommen werden muß, wenn man unangemessene Mißverständnisse vermeiden will. Rothfels meinte hier vor allem ein methodisches Problem, die Abgrenzung der Geschichte als Wissenschaft „von der zuchtlosen politisch-zweckhaften Publizistik jener Jahre“ nach dem Krieg wie auch „von den mehr antiquarischen Interessen“, wie er im Anschluß an Nietzsche formulierte. Ausdrücklich ist er der Meinung entgegengetreten, er wolle damit wissenschaftliche Bemühung durch politische Zwecksetzung ersetzen, verband er mit dem Begriff der „politischen Wissenschaft“ doch gerade die Forderung „kritisch-methodischer Strenge“. Sie war aber nicht von dem „tendenziösen Irrglauben standpunktloser Objektivität oder eines privaten Allverstehens“ zu erwarten, sondern aus der Einheit von „geistigem und politischem Bewußtsein“. Beides, „standpunktlose Objektivität“ wie „antiquarisches Interesse“, verfehlte nach Rothfels’ Überzeugung den zentralen Auftrag der Geschichtswissenschaft, ihren Beitrag zur Gegenwartsorientierung zu leisten. Nicht zuletzt war mit dem umstrittenen Begriff Rothfels’ Verständnis von der Aufgabe eines“verantwortlichen akademischen Lehramtes“ gemeint, das statt beliebiger Stoffvermittlung disparater Fächer den „Menschenbildungs-Anspruch der ‚Universität‘“ ernstnimmt, um „innerlich an eine Jugend heranzukommen, für die der Sinn wissenschaftlicher, insbesondere aber geschichtlicher Erziehung weithin zweifelhaft geworden war“. Im Blick auf diese Nachkriegs-Generation akademischer Lehrer wie Schüler, „die rittlings der Zeitenwende stand“ (wie eine der von Rothfels’ beliebten plastischen Formulierungen lautete), konnte nach seiner Überzeugung ein „öffentlicher Professor“ nicht den „Irrweg privater Beliebigkeit“ beschreiten, sich „in Hörsaal und Studierstube“ einschließen, sondern sah er seine Berufsarbeit „in einer umfassenden Schicksalsgemeinschaft“ gegründet und ihr verpflichtet. „Politischer Wissenschaft“ meinte für Rothfels, daß Forschung und Lehre „öffentlicher Dienst“ war, „Erkenntnis und Bekenntnis“ zugleich. „Strenge Berufsforderung“ der Wissenschaft und Verantwortung für das Gemeinwesen, schlossen sich nicht nur nicht aus, „Forschung und Erziehertätigkeit“ waren vielmehr „die beiden notwendig zusammengehörenden und sich bedingenden Seiten“ seines Berufsverständnisses.
Zwei Beiträge des jungen Historikers in Friedrich Naumanns Zeitschrift „Die Hilfe“ im Jahre 1919 machen seine Bemühung um die Klärung des eigenen Standorts deutlich. Die „deutsche Revolution“, schrieb er hier, hatte „den letzten bedeutsamen Typus der autoritären Staatsform zertrümmert“, die offensichtlich „hinter den entwicklungsgeschichtlichen Notwendigkeiten zurückgeblieben“ war. Das machte eine „breitere Fundamentierung des Gemeinwesens“ unumgänglich, fuhr der Autor fort und erinnerte damit an den“Vernunftrepublikanismus“ seines Lehrers Meinecke. Aber auch unter den neuen Verhältnissen der Republik bestanden historisch-politische Gesetzmäßigkeiten fort, denen sich die „innerpolitische Organisation“ unterzuordnen hatte im Interesse der Selbsterhaltung des Staates: Die europäische Mittellage Deutschlands blieb ein geopolitisches Grunddatum. Der Krieg und sein Ausgang hatten aber auch zur Erweiterung der Bühne durch eine neue, globale Dimension geführt. Zwei „universale Ideen“ beanspruchten nun, „die Welt nach ihrem Bilde zu gestalten“: Im Westen der von den Vereinigten Staaten ausgehende Gedanke eines „demokratischen Völkerbundes“, im Osten der revolutionäre Bolschewismus. Zum ersten Mal begegnen wir bei Rothfels hier der Perspektive des über das herkömmliche europäische Mächtekonzert hinausgreifenden bipolaren Weltgegensatzes, die dann durch den Zweiten Weltkrieg und sein Ergebnis so überzeugend bestätigt und zu einem Leitmotiv der Rothfelsschen Interpretation der „Zeitgeschichte“ werden sollte. Doch Wandel und Kontinuität gehören im historischen Denken von Rothfels stets zusammen. Er sieht im neuen Weltgegensatz eine „grandiose Wiederholung und Übersteigerung der Lage von 1792 und 1815“ in einem globalen Rahmen. In der Analogie der eigenen Gegenwart zur Epoche der Französischen Revolution und Napoleons sucht er festen Grund für seine historisch-politische Argumentation. Was damals durch die preußisch-deutsche Reform und Erhebung gelang, die Behauptung einer eigenständigen deutsch-europäischen Mitte zwischen den Flankenmächten, dem „jakobinischen“ Imperium im Westen und dem „kosakischen“ im Osten, das sollte Fingerzeige geben für den richtigen Weg zur Bewältigung der Gegenwartslage nach dem erneuten „Jena“ von 1918. Trotz seiner Vorbehalte gegen den liberal-“jakobinischen“ Westen war es für Rothfels doch keine Frage, daß die neue Lage aus gesellschaftspolitischen wie geopolitischen Gründen andere Antworten erforderte als etwa 1807: „Die äußere Situation wie die Gemeinsamkeit der gesellschaftlichen und geistigen Kultur führen uns an die Seite des Westens“, freilich ohne den Preis des Opfers der eigenen Überlieferung. Es ging darum, „die Ideen des Westens, in gewissem Maße auch die des Ostens, aus eigenem Geist wiederzugebären und in einem eigenen Typus geistigen und staatlichen Lebens zur Versöhnung zu bringen“. Innenpolitik und Außenlage gehörten dabei wie Systole und Diastole unauflöslich zusammen. „Innenpolitischer Doktrinarismus“, gar „Selbstgeißelung und Selbstzerfleischung“ mußten in die Irre führen. Rothfels nahm Rankes Lehre vom Primat der äußeren Politik auf, wenn er gegen den Kriegsschuldvorwurf, der in diesen Monaten 1919 über Deutschland zu lasten begann, die Forderung der „moralischen Rehabilitation“ und der damit verbundenen „Entgiftung der Atmosphäre“ erhob als Voraussetzung der inneren Reform und Erneuerung. Es entsprach Rothfels’ hoher Würdigung der geistigen und moralischen Faktoren in Geschichte und Politik, wenn er darauf aufmerksam machte, daß ohne diese Voraussetzung die Wiederherstellung der ökonomischen Grundlagen, so unerläßlich sie war, auf Sand gebaut sein würde, da Staaten wie Einzelmenschen nun einmal „nicht vom Brot allein“ lebten.
Im Inneren waren es die Ideen und Antriebe der preußisch-deutschen Reform und Erhebung nach 1807, mit deren Vergegenwärtigung Rothfels die Gegenwartsaufgaben anpacken zu können glaubte. Den „Sinn deutscher Demokratie“ sah Rothfels in den Spuren von Fichte, Hegel und des Freiherrn vom Stein nicht in der „Freiheit vom Staat“, sondern in der „Anteilnahme des einzelnen am Staat“. Demokratische Erneuerung bedeutete für ihn, „die Wurzeln des Gemeinwesens so tief wie möglich in den nationalen Lebensboden einzusenken, die Freiheit des einzelnen mit der Macht des Ganzen innigst zu verknüpfen“. Das war ein Echo auf die Staatsidee der deutschen idealistischen Philosophie mit ihrem Streben nach der Synthese von staatlicher Selbstbehauptung nach außen und freiheitlicher Kultur im Inneren, eben von Nationalstaat und Weltbürgertum, einer „eigenständigen staatlichen Kultur“, die aber „uns der Welt als wertvolles Glied wieder einfügen“ sollte.
Zur inneren Neuordnung hatten die preußischen Reformer ein konkretes Erbe hinterlassen: die „innere Ergänzung“ der freiheitlichen Reformen – Bauernbefreiung, Städteordnung und geplante Repräsentativverfassung – durch die allgemeine Wehrpflicht. Gerade jetzt, unter den Bedingungen des neuen „Volksstaates“, galt es, an diese heilsame Balance von Rechten und Pflichten anzuknüpfen und Wahlrecht, Schulpflicht, Achtstundentag und Wehrpflicht als geistig-politische Einheit zu sehen. In seinem allseitigen Bemühen um „Synthese“ versäumte Rothfels nicht den Hinweis darauf, daß die Idee des Volksheeres auch im Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie stand und bis August Bebel und Jean Jaurès lebendig gewesen war. Und in außenpolitischer Hinsicht war sie gewissermaßen die Widerspiegelung der geopolitischen deutschen Mittellage in der Abgrenzung vom absolutistischen Söldnerheer wie von den Berufsarmeen der angelsächsischen Seemächte.
Rothfels war auch hier weit entfernt von einem Festhalten an Überkommenem, das sich in so mancher Hinsicht nicht bewährt hatte. Im zweiten „Hilfe“-Aufsatz stellte er sich entschieden auf den Boden der „Oktobergesetze“ von 1918 mit ihrer Unterordnung der militärischen unter die politische Gewalt, wie sie schon Scharnhorst konzipiert hatte. Und die Beseitigung ständischer Vorrechte wie des „Einjährigen“-Freiwilligen-Privilegs und bei der Offiziersergänzung erschien ihm als Selbstverständlichkeit im „demokratischen Heer“. Das konnte freilich nicht den Verzicht auf „autoritäre Disziplin“ im Militär bedeuten, zumal „Demokratie und Führung“ keine Gegensätze waren und „militärische Rangordnung nicht im Widerspruch mit dem allgemeinen Gesetz des Verfassungslebens“ stand. Rothfels verstand die Wehrpflicht vor allem als „Erziehungsmittel zur Demokratie“, als „stärksten, sinnfälligen Ausdruck einer über alle Einzelinteressen erhabenen Gemeinschaftsidee“, an der sich, anders als bei den formalen Prinzipien der Rechtsgleichheit und der Mehrheitsregierung, „der Geist der Solidarität entzünden (kann), den Volksstaat tragen muß,wenn anders er innerlich lebendig und fruchtbar sein soll“.
Rothfels’ Dissertation über Clausewitz trug, wie mit Recht gesagt wurde, „unverkennbar autobiographische Züge“. An der Person und am Denken des Kriegsphilosophen zog ihn dessen Impetus an, die „egoistische Vereinzelung“ durch die „Hingabe an Vaterland und Nationalehre“ hinter sich zu lassen, „persönliche Befriedigung“ zu finden in der „Möglichkeit allgemeineren Wirkens“, wodurch „erst das Individuum zur letzten Entfaltung seiner Anlagen gelangen“ kann. Rothfels verband mit Clausewitz die „zugleich erkenntnis- und willensmäßige Bemühung um über- individuelle Aufgaben“. Aber auch in den sachlichen Bezügen war der Gleichklang nicht zu übersehen. Clausewitz ging es um die geistige Bewältigung des tiefen Umbruchs seiner Epoche, um die Abwehr des Hegemonie-Versuchs Bonapartes und seines „zweiten Roms“, an dessen „Triumphwagen nicht ganze Nationen gefesselt liegen dürfen“. Er zog daraus die Folgerung, daß auch die Deutschen erkennen mußten, daß es „das Lebensprinzip der Nation ist, Staat zu sein“, was dann die verfassungspolitische Konsequenz einschloß des „gesetzmäßigen Anteils (des einzelnen) an der Regierung“. Mit diesen Thesen stand Clausewitz inmitten der preußischen Reformideen nach 1807.
Mit ihnen verband sich ein neues Verständnis von Geschichte und Politik, an dessen Schöpfung Clausewitz beteiligt war, jener Realismus, den dann Leopold von Ranke an der ganzen Masse des geschichtlichen Stoffes überprüfen und zu seiner Lehre vom Primat der äußeren Politik führen und den schließlich Bismarck zur Richtschnur seiner Politik in der Reichsgründung machen sollte. Clausewitz hat noch 1831 dieses Leitmotiv in den Satz zusammengefaßt: „Wir können die Gegensätze der Völker nicht in Maximen suchen, sondern in der ganzen Summe ihrer geistigen und materiellen Verhältnisse zueinander, und darüber ist es wohl ratsam, die Geschichte zu befragen“. Es war dieser kategoriale Gegensatz zwischen dem „moralischen“ und dem „historisch-politischen Gesichtspunkt“, den Rothfels vor allem aus seinem Clausewitz-Studium in sich aufnahm. In der polnischen Krise von 1830/31 hatte Clausewitz „die moralisierende Auffassung der liberalen öffentlichen Meinung“ kritisiert, die den harten Kern des französischen Interesses an den polnischen, belgischen und italienischen Revolutionen dieser Jahre als Bundesgenossen gegen die europäische Mitte verhüllen sollte. Nicht zufällig, so kommentierte Rothfels, entstand die Lehre vom „unbedingten Machtcharakter des Staates“ „in den Zentren des atmosphärischen Drucks, dort, wo man sich als Objekt fremder zielbewußter Energien empfand“. In seinen letzten Studien aus Anlaß des polnischen Aufstandes 1830 hat Clausewitz sich hellsichtig mit den möglichen Rückwirkungen der Wiederherstellung eines polnischen Staates auf das europäische Mächtesystem befaßt, die vor allem auf Kosten Deutschlandes und der drei konservativen Ostmächte gehen würden. Als Rothfels sich mit Clausewitz befaßte, hatte sich diese Voraussicht neunzig Jahre später in der politischen Wirklichkeit bestätigt.
Wie erwähnt hatte Rothfels sich mit dem alliierten Kriegsschuldvorwurf schon sogleich nach Kriegsende auseinandergesetzt. Die Rehabilitation von diesem Vorwurf erschien ihm als wesentliche Voraussetzung für eine politisch-psychologische Gesundung Deutschlands wie auch für vernünftige internationale Beziehungen in der Zukunft. In den folgenden Jahren gehörte er zu jenen deutschen Historikern, die sich – wie Hans Herzfeld, Siegfried Kaehler, Wilhelm Mommsen, aber auch Hermann Oncken und Erich Brandenburg – an der wissenschaftlichen und politisch-publizistischen Erörterung der „Kriegsschuldfrage“ beteiligten. Es war jedoch sehr charakteristisch, wie Rothfels diese Diskussion vertiefte, indem er sie in den Gesamtzusammenhang der Vorgeschichte des Weltkrieges und der grundsätzlichen Fragen des Verhältnisses von Moral und Politik einbettete. Rothfels erschien der Versailler Vertrag vor allem deshalb als ein „über die Maßen hartes und schmähliches Diktat der Sieger“, weil er den „Gifttropfen der Unterwerfung“ in sich barg und es ihm nicht nur um die Verurteilung des Ancien Regime in Deutschland ging, sondern der gesamten preußisch-deutschen Tradition. Mit einem verschiedentlich geradezu lutherischen Furor wandte Rothfels sich gegen das „pharisäische Selbstbewußtsein“ der Sieger, ihre „moralische Herabwürdigung“ der Besiegten und ihren Versuch, die Geschichte auf den moralistischen Gegensatz von „Unschuld und Verbrechen“ zu reduzieren. Rothfels’ Clausewitz so ähnliche Identifikation mit Staat und Nation konnte in der Begründung des „Straffriedens“ durch die Verfehmung der preußisch-deutschen Geschichte als eines „grotesken Irrwegs“ nur den Versuch erkennen, hochgespannte moralische Werte zur Zertrümmerung der deutschen Staatlichkeit und zur Befestigung der französischen Hegemonie in Europa zu instrumentalisieren. Unverkennbar ist der Hintergrund der lutherischen Theologie der Zwei Reiche, wenn Rothfels den ganzen Ansatz des Versailler Vertrags verwarf: „Denn die Kategorien der Erkenntnis sind nicht Schuld und Sühne, sondern Ursache und Wirkung“. Der hier wirksame Kreuzzugsgedanke, „Gerechtigkeit“ durch wohlverdiente Strafe für begangene Sünden des Besiegten herstellen zu wollen, erschien Rothfels als eine „blasphemische Anmaßlichkeit ohnegleichen, (die) dem Weltenrichter ins Handwerk zu pfuschen versucht“. Ein Schuldspruch, bei dem Kläger und Richter identisch waren, mußte zur Vergewaltigung der historischen Wahrheit durch politische Macht führen und damit zu einer „höchst leichtfertigen Skizze der unmittelbaren Kriegsvorgeschichte“. In Rothfels’ präziser Argumentation konnte „Schuld“ nur dort bestehen, wo es sich „um vorsätzliches Tun, um die zweckbewußte, in ihrem Kausalverhältnis feststellbare Herbeiführung des allgemeinen Krieges“ handelte.
So mündete Rothfels’ Auseinandersetzung mit dem Versailler Vertrag und dem Kriegsschuldvorwurf, für ihn überaus kennzeichnend, in einer kritischen Sondierung der Jahrzehnte vor 1914 entlang der Frage nach „Ursache und Wirkung“. Es entsprach seinem „dialektischen“ Denken, wenn er die Frage stellte, „ob die wahrhaft geschichtliche Schuld, die Verantwortung vor der Nation, nicht eben da beginnt, wo die Unschuld im Sinne von Versailles erhärtet ist“. Der Historiker hatte die moralistische Zivilreligion der Friedensmacher gewissermaßen zu säkularisieren und nach Ursachen und Wirkungen in einem Netz der Wechselwirkungen zu fragen, eine Problemstellung, die auch die eigene Seite nicht schonte und die Faktoren in der deutschen Entwicklung seit 1871 aufsuchte, „die das Hereinbrechen der Katastrophe möglich gemacht haben“. Insofern die Reichsgründung von 1871 historisch-politische „Schuld“ in diesem Sinne war, dann „wollen wir uns zu dieser ‚Schuld‘ gern bekennen und an ihr gedenken wir festzuhalten“, bemerkte Rothfels dazu lapidar. Sicherlich war Bismarcks Schöpfung mit nicht geringen Hypotheken belastet: durch die europäische Mittellage an sich; durch die politisch aufstrebenden westslawischen Völker, die die Veränderung des Status quo erstrebten; und nicht zuletzt durch den Konflikt mit der Sozialdemokratie, der dem neuen Reich Wunden geschlagen hatte, die auch nach dem Krieg noch nicht vernarbt waren.
Aber Bismarck war sich dieser Lage des neuen Reiches mit „gespannter Sorge“ stets bewußt gewesen und er wußte daher, daß es „jahrzehntelanger Eingewöhnung“ im europäischen Mächtekonzert bedurfte. Eben daraus entsprang seine überlegene und initiativenreiche Politik „positiver Friedenssicherung“. Gerade diese Grundlinie war es jedoch, die die Epigonen nach 1890 verließen zugunsten einer Politik des geringsten Widerstandes und eines unsicheren Zickzack-Kurses. „Eine technisch fehlerhafte Politik und sehr ungeschickte diplomatische Regie“ waren letztlich Resultate „unpolitischen Handelns und bequemer Selbsttäuschung nicht nur der Führenden, sondern der Nation im Ganzen“. Sie entbehrte einer „gestaltenden Idee für die europäische Zukunft“; wo sie dem Imperialismus huldigte, handelte es sich um einen der „kleinen Mittel und Kompensationen“, und schließlich gelang es nicht, die Bildung einer lückenlosen Gegenkoalition zu verhindern.
Im Inneren aber vollzog sich nach 1890 hinter der Fassade selbstherrlicher Gesten, politischer Scheinerfolge und wirtschaftlichen Wohlergehens der Zerfall des monarchisch-konstitutionellen Systems und der Niedergang des liberalen Bürgertums, das sich in die wirtschaftliche Expansion stürzte und zumindest in seinen großbürgerlichen Teilen den Gefahren des Reichtums und der Sattheit nicht entging. Die kapitalistische Entwicklung begann alle westlichen Nationen und nicht zuletzt auch die deutsche zu ihrem Nachteil zu verändern; der Verlust der religiösen Bindungen breitete sich aus. Wilhelm II., für den nach einem Wort Bismarcks „jeder Tag Sonntag“ sein sollte, personifizierte in vieler Hinsicht Geist und Stil der Ära. Es bildete sich ein neudeutscher Typus des Untertanen heraus, der, so Rothfels, in Heinrich Manns literarischer Karikatur „nicht ohne Züge einer fatalen Wahrheit“ war. Wenn Rothfels an der wilhelminischen Gesellschaft ihr „phantastisches Kraftmeiertum“, die „Steckenpferdpolitik der Stammtische“, die „Wunschträume weltferner Gelehrter“ und die „Agitation der Parteien“ kritisierte, so meinte er damit keinesfalls nur etwa Liberale oder Sozialdemokraten, sondern gerade auch jenen alldeutschen Extremismus, der mit seinen Mißverständnissen Bismarckscher Realpolitik „das Ideenhafte und Verpflichtende“ der „Staatskunst“ des Reichsgründers hatte verfallen lassen.
Rothfels zögerte nicht, in den Erscheinungen des wilhelminischen Zeitalters Symptome der deutschen Überlieferung insgesamt zu erkennen: „Staatsferne, politische Ungeformtheit der Massen“, Mangel an politischem Sinn und die Neigung zum Rückzug in eine nur literarisch-kulturelle Existenz, für die der Begriff „Weimar“ zum Symbol wurde, einer „kleinstaatlichen Existenz“, der bei aller kulturellen Produktivität doch der „Anschluß an ein starkes Gemeinwesen“ fehlte. Mit realistischem Sinn warnte Rothfels zugleich aber vor den Irrwegen politischer Romantik und vor den Illusionen des „Traumes deutscher Weltgeltung, (der) aller menschlichen Voraussicht nach ausgeträumt“ sei. Die künftige Politik hatte sich daher auf die Wiederherstellung Deutschlands als europäischer Macht zu konzentrieren.
In diesen Stellungnahmen und Urteilen von Rothfels nach dem Krieg war die Eigenständigkeit seines historisch-politischen Denkens zu erkennen, gleich weit entfernt von alldeutsch-deutschnationalen Machtgebärden wie von liberaler Verharmlosung von „Deutschlands Krise“. Längst richtete sich sein Blick auf die neuen globalen Konstellationen, die aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangen waren. Das ermöglichte ihm auch einen vorurteilslos realistischen Blick auf den Marxismus, der soeben, nach dem Sieg der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg, zur Staatsideologie des Großstaates zwischen Bug und Pazifik geworden war und die sich nach eigenem Bekunden anschickten, ihn als Basis für ihren revolutionären Ausgriff im Weltmaßstab zu nutzen. Rothfels interessierte dabei vor allem die Frage nach dem Verhältnis der marxistischen Gründerväter zu den Problemen der Außenpolitik, nicht zuletzt um daraus auch Klarheit über die künftige Politik des bolschewistischen Rußland zu gewinnen.
Sicherlich wurde das
gesellschaftlich-politische Denken von Marx und Engels von dem –
„vertikalen“ – Konflikt der Klassen bestimmt, als dessen Spiegelung die
– „horizontalen“ – Konflikte zwischen Staaten und Staatengruppen
erschienen. Doch dem genaueren Blick fiel ein „eminentes außenpolitisches
Interesse“ und eine „weltläufige Orientierung“ der beiden
Revolutionsdenker auf. Das zeigte sich nicht nur in einer großen Zahl von
Stellungnahmen und Presseartikeln der beiden zur außenpolitischen Szenerie
ihrer Tage. Sie hatten in der Sozialistischen Internationale auch die vielfältigen
nationalen Gegensätze und Unterschiede kennengelernt, etwa zwischen dem
deutschen und dem Sozialismus der romanischen Länder oder gar hinsichtlich der
Sonderart des russischen Anarchismus. Der eigentliche Grund für ihre höchst
realistische Herangehensweise an die Probleme der Außenpolitik, so Rothfels’
These, war in ihrer philosophischen Abkunft von Hegel zu suchen. Marx und Engels
leugneten die relative Selbständigkeit und Wirksamkeit der Ideen in der
Geschichte keineswegs, während andererseits Leopold von Ranke, der große
Lehrmeister einer politisch-realistischen Geschichtsauffassung, die
Wechselwirkungen der ideellen und materiellen Faktoren im Geschichtsprozeß
nicht verkannte. Beide „Schulen“, die marxistische und die Rankesche,
betonten gleichermaßen die Wirklichkeitsnähe in den historisch-politischen
Konflikten und waren rein moralischen Urteilen abgeneigt; beide gingen nicht vom
isolierten Individuum aus, sondern „von den Bedingungen seiner
gesellschaftlichen Lage“ und bei beiden war ein „starkes Gefühl für
geographische Zusammenhänge“ spürbar. Die
Übereinstimmung betraf auch die kritische Haltung gegenüber der liberalen
Nationalökonomie und Freihandelslehre mit ihrer nicht seltenen Neigung, das
Recht des Stärkeren humanitär zu verbrämen. Und entgegen manchen Mißverständnissen
huldigten die beiden Theoretiker der Revolution keinem prinzipiellen Pazifismus,
sondern verstanden sie Kriege und Revolutionen als „Lokomotiven der
Geschichte“. Nicht zufällig war Engels, der „Generalstabschef der
Revolution“, ein verständnisvoller Clausewitz-Leser. Er und Marx beurteilten
auch die Reichsgründung positiv im Rahmen ihres Geschichtsfahrplans als
Voraussetzung für den schließlichen Sieg der Arbeiterklasse. Schon 1864 hatte
Lassalle auf den Sieg Preußens gegen die „süddeutsch-föderalistische
Sauce“ gesetzt und sein Nachfolger Baptist Schweitzer stimmte 1870 im
Norddeutschen Reichstag für die Kriegskredite, während Bebel und Karl
Liebknecht sich der Stimme enthielten.
Diese realistische außenpolitische Tradition ist dann, so Rothfels, in der Vereinigten Sozialdemokratie nach 1875 weitgehend abgebrochen. Karl Liebknechts Diktum, die beste Außenpolitik sei gar keine, wurde zu einer Art Markenzeichen der deutschen Sozialdemokraten in der Außen- und internationalen Machtpolitik. Das änderte sich erst wieder mit dem Aufstieg des sozialdemokratischen Revisionismus und seiner realistischeren Würdigung nicht-sozialökonomischer Faktoren wie Staat und Nation. Im August 1914 stimmte die Mehrheit der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion für die Kriegskredite; doch je länger der Krieg sich hinzog, desto mehr erstarkte erneut die prinzipiell pazifistische Linke.
Schließlich zeichnete Rothfels ein kompetentes Bild der Bolschewiki als der „einzigen sozialistischen Partei, die wirklich ohne Umwege und autonom in die großen Machtentscheidungen eingreifen konnte“ und deren „auswärtige Politik zweifellos am stärksten die Marx-Engelssche Tradition, ihre Weltläufigkeit, ihr Denken in großen internationalen Zusammenhängen wieder aufgenommen“ hatte: „Sie ist ganz militärisch-realistisch und zugleich im Besitz der feinsten propagandistischen Waffen, sie hat die Machttendenzen des alten russischen Staates, seine nationalen und kolonialen Expansionsrichtungen und zugleich die universale Ideologie der Weltrevolution sich dienstbar gemacht“.
Das war in dieser Anfangsphase des bolschewistischen Experiments eine überaus treffende Analyse im Sinne des Rankeschen Geschichtsrealismus, nicht ohne Bewunderung auch, daß der Bolschewismus „dem Siegesdiktat der kapitalistischen Weltmächte zu widerstehen vermochte“. Doch das bedeutete für Rothfels kein Plädoyer für einen Rapallokurs, wie er damals bei der politischen Rechten nicht selten war. Rothfels betonte zwar die mitteleuropäische Eigenständigkeit der deutschen Politik und er kritisierte die „Nationaldemokratie“ vor allem französischen Gepräges. Gleichwohl sah er den deutschen Platz, wie erwähnt, in der „Gemeinsamkeit der gesellschaftlichen und geistigen Kultur des Westens“, während er im bolschewistischen Rußland das „drohende Rätsel des Ostens“ im Rücken Osteuropas erblickte. Seine Analyse des Verhältnisses der sozialistischen „Kirchenväter“ zur Außenpolitik hatte vielmehr einen durchaus politisch-praktischen Zweck und einen deutlichen Adressaten: Sie mündete in dem Appell an die deutschen Sozialdemokraten, nun, da sie politische Verantwortung in der Republik trugen, sich von ihrer Neigung zu „ideologischem Doktrinarismus“ zu lösen, sich mit den Interessen des Staates zu identifizieren und künftig den unumstößlichen Notwendigkeiten der Außenpolitik und ihres „Primats“ Rechnung zu tragen.
In einer anrührenden Rede zum siebenhundertjährigen Jubiläum der Gründung Königsbergs hat Hans Rothfels im Mai 1955 die Zeit seines Wirkens an der Albertus-Universität „Jahre stärkster Prägekraft“ genannt, die ihn und seine Familie hier „tiefer als irgendwo sonst Wurzel fassen“ ließen. Als er im Alter von gerade 35 Jahren zum Sommersemester 1926 auf das Königsberger Neuhistorische Ordinariat berufen wurde, hatte er den vor allem von Friedrich Meinecke betriebenen Ruf zunächst nicht mit besonderem Enthusiasmus aufgenommen, schien ihm der neue Wirkungsort doch etwas zu sehr im fernen Nordosten, vor allem von Berlin abgelegen. Doch war die Albertina seit Mitte der zwanziger Jahre in deutlichem Aufschwung begriffen. Sie gehörte noch zu den kleineren preußischen Universitäten. Aber nach der Überwindung der schlimmsten Nachkriegsnot und im Zuge der wirtschaftlichen Stabilisierung ging das republikanische Preußen entschieden an die Stärkung der „Grenzlanduniversität“ im abgetrennten Ostpreußen. Umfangreiche Baumaßnahmen wurden begonnen, Institute neu errichtet oder erweitert. Die Arbeit zum Beispiel des noch im Krieg gegründeten Instituts für Ostdeutsche Wirtschaft sollte der ganzen Provinz zugute kommen, die unter ihrer Abtrennung, fehlenden Bodenschätzen, geringer Bevölkerung und schwacher Steuerkraft litt. Aufgaben der Landesplanung, Binnensiedlung und Industrieansiedlung mit dem Ziel eines gesunden Ausgleichs von Landwirtschaft, Gewerbe und Handel im Dienst einer „neuen volksgemeinschaftlichen Kolonisation Ostpreußens“ wurden hier – ähnlich wie auch an anderen Orten des Reichs in den zwanziger und dreißiger Jahren – theoretisch diskutiert und praktisch erprobt.
Die Königsberger Universität war seit 1919 eine „durchaus politische Universität“ geworden. Der Einbruch der russischen Armeen 1914/15, der Zusammenbruch 1918 und die Beteiligung der Studentenschaft an der Einwohnerwehr, zu der der Rektor 1919 aufgerufen hatte, vor allem die Abstimmungskämpfe von 1920 und „das permanente Reizthema ‚Korridor‘“ hinterließen ihre Spuren. Gerade vom neuhistorischen Fachvertreter wurde ein „politisches“ Verständnis seines Amtes erwartet, neben wissenschaftlicher und pädagogischer Befähigung „auch Neigung und Eignung zur Betätigung in weiteren historisch-politisch interessierten Kreisen der Stadt und der Provinz“. Der Königsberger Lehrkörper wurde seit der Mitte der zwanziger Jahre erweitert und verjüngt.
Es entsprach seinem Verständnis von Wissenschaft und des Amtes des „öffentlichen Professors“ wie auch den Königsberger Erwartungen, wenn Rothfels bald nach seinem Beginn sich an den öffentlichen Vortragsveranstaltungen des Universitätsbundes in den ostpreußischen Städten mit den Fragen seines Faches beteiligte. Bereitwillig übernahm er mehrere Jahre den Vorsitz des Arbeitsausschusses zur Förderung des Auslandsstudiums in Königsberg sowie das Protektorat der akademischen Ortsgruppe des Vereins für das Deutschtum im Ausland. 1931 sprach er bei der Siebenhundertjahrfeier Ostpreußens und zum 100. Todestag des Freiherrn vom Stein, hier mit einer Rede in der Universitätsaula über „Stein und der deutsche Staatsgedanke“. Bald kam die Mitarbeit in der „Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landeskunde“ und ein Lehrauftrag an der Königsberger Handelshochschule hinzu. 1927 wurde Rothfels Mitglied der „Königlichen Deutschen Gesellschaft in Königsberg in Preußen“ und ein Jahr darauf der „Königsberger Gelehrten Gesellschaft“, einer Vereinigung von Universitätslehrern, die sich der Pflege preußischer Kultur und Tradition widmeten.
Die preußische Regierung förderte die Albertina vor allem auch im Blick auf ihre Aufgabe, die wissenschaftlichen und kulturellen Beziehungen mit den neuen Nachbarstaaten im Osten zu pflegen. Das galt für die Wirtschafts- und Naturwissenschaften ebenso wie für die germanistischen und historischen Disziplinen, die etwa Verbindungen zum Herder-Institut in Riga oder zum Institut für wissenschaftliche Heimatforschung in Dorpat knüpften. Auch hier wirkte Rothfels bald engagiert mit. Sein besonderes Interesse galt den von Ordensstaat und Protestantismus geprägten baltischen Nachbarstaaten Estland und Lettland und den dortigen deutschen Minderheiten. Mehrfach hielt er sich zwischen 1928 und 1932 zu Vorträgen und Archivarbeit in Riga, Dorpat und Reval auf, während von ähnlichen Verbindungen und Reisen nach Polen und Litauen nichts bekannt ist. Rothfels nahm so an der doppelten Aufgabe des Königsberger universitären Selbstverständnisses Anteil, dem „Brückenschlag“ zu den Nachbarn im Osten wie der „Selbstbehauptung“ der deutschen Position in einem internationalen Umfeld, das – besonders im Blick auf Polen und seine aktive „politische Wissenschaft“ – für den ostpreußischen Vorposten nicht ohne Grund als bedrohlich empfunden wurde. Der wachsende Ruf, dessen sich die Albertina seit der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre in der Studentenschaft erfreute, hatte seine Ursache nicht zuletzt auch darin, daß das Studium in Königsberg als nationalpolitische Aufgabe empfunden wurde. Das Einzugsgebiet der östlichen „Vorposten-Universität“ reichte zunehmend über Ostpreußen hinaus bis in den Berliner Raum, vereinzelt auch in den Westen und Süden des Reichs, und auch deutschbaltische Studenten begannen an der Universität am Pregel zu studieren.
Was die Studenten an Rothfels besonders anzog, war, wie er sein Lehramtsverständnis als „politische Mission“ mit der „Strenge methodischer Schulung“ zu verbinden wußte, insbesondere bei der Erschließung des Verständnisses für die Lage in Ostmitteleuropa nach den Friedensverträgen durch die sachliche Klärung der historischen und politischen Tatsachen und Zusammenhänge. Rothfels’ oft berichtete „charismatische“ Wirkung als akademischer Lehrer beruhte auf dieser Mischung pädagogischer Intensität mit einem differenzierenden und weitblickenden wissenschaftlichen Anspruch, wie er in Hörsaal und Seminar und noch mehr im kleinen Kreis spürbar wurde. Werner Conze hat aus den Königsberger Jahren über Rothfels’ Gabe berichtet, „im Gespräch wahrzunehmen, was die Jugend bewegte, ihren Diskussionen zu folgen, sich mit der ihm eigenen Mischung aus Bestimmtheit und Behutsamkeit in die Aussprache einzuschalten, ihr eine Richtung zu geben und dabei nicht nur seinen Intellekt, sondern auch seine menschliche Wärme spüren zu lassen“. Ihm ging es, wie er noch nach dem erzwungenen Ende seines Königsberger Lehramtes formulierte, darum „den Massenbetrieb durch eine Gestaltung des Unterrichts zu überwinden, die statt der beliebigen Stoffvermittlung nebeneinander stehender Fächer den Menschenbildungsanspruch der ‚Universität‘“ ganz ernst nahm. Wer Rothfels später in Tübingen in den fünfziger Jahren erlebte, kann Conzes Bericht über die Königsberger „vielfältigen Kommunikationsformen“ lebhaft nachvollziehen: „die anspruchsvollen und gerade darum stets stark besuchten Vorlesungen im großen Hörsaal am Paradeplatz, die methodisch strengen Seminare im Historischen Seminar“, die nachmittäglichen Teestunden, hilfreichen Beratungsgespräche und zusätzlichen Arbeitskreise, etwa über deutsch-baltische Geschichte, ab 1928 im Haus der Familie. Im Sommer unternahm das Seminar Ausflüge zu den Ordensburgen und historisch bedeutsamen Schlössern wie Friedrichstein der Grafen Dönhoff oder zum Alterssitz Theodor von Schöns in Arnau; im Winter wurden die Seminarfeste im Stil des ostpreußischen Genius loci gefeiert.
Beliebtheit und Respekt resultierten aber auch aus den meist bis ins Kleinste ausgefeilten Vorlesungen, nicht selten buchstarke Manuskripte mit einer lehrbuchhaften Gliederung nach dem Muster des Lehrers Meinecke, Zeugnisse des Dienstes im überaus ernstgenommenen wissenschaftlichen und erzieherischen Amt. Die Themen entsprachen wenig dem angeblichen Primat der „Volksgeschichte“ in Rothfels’ Lehrtätigkeit, es überwogen die eher konventionellen politik-geschichtlichen Themen. 1926 begann er mit einer „Allgemeinen Geschichte im Zeitalter der Restauration und Revolution 1815–1848“, die später wiederholt wurde. Aktualisierende Vergleiche fehlten meist nicht (etwa zu 1815: „Auch damals war ein Erdrutsch eingetreten...“). Im Wintersemester 1926/27 schloß sich das Thema „Die großen Mächte im Zeitalter des Imperialismus“ an. In den Seminaren wechselten konventionelle und „moderne“ Themen, etwa über die Norddeutsche Bundesverfassung von 1867 oder über Heinrich von Treitschke. 1927 und 1932 wurde in zwei Absolutismus-Vorlesungen im Zusammenhang mit Ludwig XIV. der „Kampf um den Rhein“ nicht ausgespart. Im Wintersemester 1931/32 las Rothfels über „Deutsche Parteiengeschichte“, in der die Beschäftigung etwa mit Max Weber, Carl Schmitt und Rudolf Smend Niederschlag fand. Der Akzent war hier insgesamt staatskonservativ-kritisch, hätten die Parteien doch „inzwischen den Staat selbst in Besitz genommen“ beziehungsweise „unter sich verteilt“ durch Postenvergabe vom Polizeiwachtmeister bis zur Portierfrau. Die Beschäftigung mit Bismarcks Sozialpolitik führte auch – damals bei „bürgerlichen“ Historikern eher die Ausnahme – zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Für das Seminar wurden die sozialistischen Klassiker wie Eduard Bernstein, Georg Lukács und Franz Mehring angeschafft. Mit der Verbindung des Marxismus zu den Problemen der Außenpolitik hatte sich Rothfels schon vor den Königsberger Jahren befaßt. Dieser Interessenstrang wurde zwar kein Schwerpunkt in seiner wissenschaftlichen Arbeit, er dauerte jedoch bis in die Tübinger Zeit fort.
Ein bislang kaum ausreichend gewürdigter Ertrag von Rothfels’ achteinhalb Königsberger Jahren war der Aufbau eines Forschungsschwerpunktes zur ostpreußischen und ostmitteleuropäischen Geschichte. In dieser Zeit ist aus dem neuhistorischen Seminar der Albertina eine größere Zahl von Arbeiten hervorgegangen, die die ganze Breite der Rothfelsschen Interessen spiegelte. Im Zusammenhang mit seinem besonderen Schwerpunkt der preußischen Reformen ab 1807, die ihren historischen Ort vor allem in Ostpreußen hatten und in die nicht wenige praktische und theoretische Anregungen aus Ost- und Westpreußen eingingen, regte Rothfels die Dissertationen von Theodor Winkler („Johann Gottfried Frey und die Entstehung der preußischen Selbstverwaltung“), Erich Hoffmann („Danzig und die Städteordnung des Freiherrn vom Stein“) und Lotte Agathe Esau („Karl Rosenkranz als Politiker – Studien über den Zusammenhang der geistigen und politischen Bewegungen in Ostpreußen“) an. Anknüpfend an Rothfels’ Interesse für Theodor von Schön, den aus dem Memelland stammenden engen Mitarbeiter Steins, entstanden die Dissertationen von A. Landau („Der Sturz Schöns“), K. Hinze („Theodor von Schön als Regierungspräsident von Gumbinnen“) und H. Bork („Zur Geschichte des Nationalitätenproblems in Preußen. Die Kirchenpolitik Theodor von Schöns in Ostpreußen“). Der aus Lettland stammende Deutschbalte Heinrich Schaudin war in Rothfels’ Seminar ein geschätzter Kenner der neueren baltischen Geschichte, über die er 1932 bei ihm und Friedrich Baethgen mit dem Thema promovierte „Das baltische Deutschtum und Bismarcks Reichsgründung“. Werner Conze promovierte bei Rothfels noch 1934 mit dem Thema „Hirschenhof. Die Geschichte einer deutschen Sprachinsel in Livland“.
Gerade die nähere Betrachtung der Lehrveranstaltungen und der wissenschaftlichen Publikationen von Rothfels sowie der von ihm betreuten Dissertationsthemen zeigt, daß die in den letzten Jahren üblich gewordene Zuordnung der „Königsberger Geschichtswissenschaft“ zur „Volksgeschichte“ und die Behauptung, Rothfels habe dort den „Brückenschlag zwischen herkömmlicher Politik- und neuerer Ethnohistorie“ mit „fraglos größtem Erfolg“ realisiert, einer deutlichen Einschränkung bedarf. Rothfels hat zwar die neuen wissenschaftlichen Ansätze der interdisziplinären Perspektiven von Bevölkerungs-, Sozial-, Wirtschafts-, Sprach-, Siedlungs- und Verfassungsgeschichte mit Interesse verfolgt. Er selbst hat jedoch mit den neuen „ethnohistorischen“ Methoden soziologisch-statistischer Art nicht gearbeitet, sondern hat die konventionellen Gebiete und Themen der „neueren Geschichte“, insbesondere seinen Interessenschwerpunkt der Politikgeschichte unter vor allem ideengeschichtlichen Aspekten beibehalten. Seine „volkstumspolitischen“ Interessen, vor allem im Hinblick auf die deutschen Minderheiten und „Volksgruppen“ in Ostmitteleuropa, wurden ebenso in der üblichen geschichtswissenschaftlichen Weise wahrgenommen und dann in außeruniversitäre gegenwartspolitische Publizistik übersetzt. Daher wird in der heutigen Retrospektive auch der Einfluß der „volkstumspolitischen Lehren“ Arthur Moeller van den Brucks, Hans Freyers und Max Hildebert Boehms auf Rothfels doch erheblich überschätzt. Er hat diese Autoren zwar gut gekannt, er hat sie verschiedentlich zitiert und sich von ihnen in gewissen Fragen anregen lassen. Doch hieße es seine – eifrig gewahrte – geistige und wissenschaftliche Eigenständigkeit unterschätzen, wollte man ihn schlechthin als „Rezipienten“ dieser Autoren verstehen. Ungeachtet gewisser verfassungs- und sozialgeschichtlicher Exkurse hat Rothfels in seiner wissenschaftlichen Arbeit den Schwerpunkt seines Herkommens, die politische Ideengeschichte und die darauf gegründete historisch-politische Gegenwartsanalyse, nicht dauerhaft verlassen.
Neue Forschungen haben darauf aufmerksam gemacht, daß Rothfels’ wissenschaftliche Arbeit in Königsberg bei aller zeitbedingten „deutschtumszentrierten“ Perspektive Ansätze zu einer „beziehungsgeschichtlichen Gesamtschau Ostmitteleuropas“ enthielt und einen Beitrag leistete „zur ostmitteleuropäischen Komparatistik, dessen programmatische und materiell-empirische Erträge auch einer modernen Forschungsrichtung wichtig sein können, die sich von manchen seiner politischen Prämissen distanziert“. In Rothfels’ Sicht des Raumes „im Bogen von Reval bis Bukarest“, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer mit seinen Teilregionen (Baltikum, deutsch-polnischer Verflechtungsraum, Böhmen und Donaumonarchie) wurde eine historisch-geographische Zusammenschau vermittelt, die in die Folgerung der Unanwendbarkeit nationalstaatlicher Prinzipien auf diese ethnisch-nationale Mischzone mündete und im Gegensatz dazu, eine „Symbiose mit anderen Völkern in großer räumlicher Gemeinschaft“ für notwendig hielt. Bei aller Deutschtumsbezogenheit, etwa in der Beurteilung der mittelalterlichen Kolonisation, stand Rothfels’ historische Einsicht dem integralen Nationalismus fern, der in der Zwischenkriegszeit das Denken und Handeln der Mehrheit in allen Staaten Europas und besonders im europäischen Osten beherrschte. Er nahm die Einsicht vorweg, „daß nur die größere Räume umfassende und politische Grenzen transzendierende Zusammenschau ostmitteleuropäischer Regionen den wissenschaftlichen Gehalt der Geschichte des südlichen Ostseeraumes zu erschließen vermag“.
Die Vergegenwärtigung der Lage an der Königsberger Universität vor und nach dem Umbruchsjahr 1933 wird das Bild eines schon in der Weimarer Republik „militanten Vorpostens deutschen Volkstums“ mit frühen pronationalsozialistischen Dispositionen, gar im Sinn „geistiger Vorbereitung“ der späteren „Endlösung“ mit guten Gründen korrigieren. Am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung gab es zwar, wie Christian Tilitzki nachgewiesen hat, im Lehrkörper der Albertina „ein deutschnational oder jungkonservativ eingefärbtes Grenzlandengagement mit teilweise revisionistischen Tendenzen“. Das hinderte jedoch nicht, daß die neuen Machthaber 1933 sogleich Maßnahmen zur Ausschaltung dieses Potentials ergriffen. Die ersten Säuberungen betrafen den (deutschnational eingestellten) Rektor der Universität Dietrich Preyer, den (nationalliberalen) Direktor des Instituts für Ostdeutsche Wirtschaft Oswald Schneider, den – jüdischen – Staatsrechtslehrer und Spezialisten des Minderheitenrechts Albert Hensel und den evangelischen Theologen Hans Joachim Iwand als bekannten Vertreter der kulturpolitischen Kooperation mit den ostmitteleuropäischen und besonders den baltischen Nachbarstaaten. Auch der Dekan der evangelisch-theologischen Fakultät, Julius Schniewind, der als Sympathisant jungkonservativer Ideen galt, mußte sein Amt aufgeben. Als Nationalsozialisten geltende Universitätslehrer mußten aus dem Reich nach Königsberg importiert werden, etwa die Staatsrechtslehrer Paul Ritterbusch und Ernst Forsthoff oder der Prähistoriker Bolko von Richthofen.
Gleichwohl blieben die ideologisch-politischen Fronten während der ersten Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft noch in mancher Hinsicht fließend. So wurde im Sommer 1933 die Berufung des Schriftstellers Hans Schwarz auf einen neuen Lehrstuhl für ostdeutsche Geschichte erwogen, obwohl er ein Vertreter der Ideen Moeller van den Brucks war. Noch 1939 wurde Kurt Stavenhagen auf den Königsberger Philosophie-Lehrstuhl berufen, ungeachtet der Tatsache, daß er Schüler Edmund Husserls gewesen war und als führender Vertreter der deutschen Minderheit in Lettland im Gegensatz zum nationalsozialistischen „rassisch determinierten Volk“ „Volk“ als „Kulturgemeinschaft“ verstand und in Riga für die Kulturautonomie der deutschen Minderheit und ihre friedliche Koexistenz“ mit den Letten eingetreten war.
Die eigentliche Zäsur in der Entwicklung des zunächst als „gemäßigt“ gelten wollenden NS-Regimes zu einer sich zunehmend radikalisierenden Außenpolitik und zum offenen Imperialismus erkennt die Forschung heute im Jahr 1937. Sie spiegelte sich auch in der Innen- und Personalpolitik des Regimes, nicht zuletzt an den Universitäten. In Königsberg verlor jetzt Rudolf Craemer, der bei Rothfels habilitiert hatte, seine Dozentur mit der Begründung, er vertrete ein mit dem Nationalsozialismus unvereinbares „protestantisch-ständisch-bündisches Weltbild“. Die Absetzung des Vorsitzenden des „Vereins für das Deutschtum im Ausland“ (VDA), Hans Steinacher, und des VDA-Landesleiters für Ostpreußen, Professor Theodor Oberländer, machte deutlich, daß das Ende der bisherigen gemäßigten Volkstumspolitik gekommen war und die Machthaber nun selbst die Grenzen zum „völkischen“ Denken der Bündischen und Jungkonservativen deutlich markierten. Der Rassenimperialismus erhob mehr und mehr sein Haupt gegenüber der konservativen Idee gleichberechtigter Völker und Kulturen, die den Prämissen „rassischer Wertigkeit von Herren- und Sklavenvölkern“ widersprach, sich aber als „völkisch“ in einem föderalistischen Sinn verstand, „mitunter mit kräftigen reichsromantischen Beimischungen“, aber nicht-imperialistisch gegenüber den Nachbarvölkern im Osten. Für das „völkische“ Denken dieser Art war gerade der expansive und imperialistische Nationalismus der Gegner, der ein überholtes, dem 19. Jahrhundert angehörendes Denken vertrat, und man subsumierte hier ebenso die integrale Nationaldemokratie wie den Faschismus Mussolinis in den dreißiger Jahren. Die Königsberger Wissenschaftler, aber auch diejenigen in Breslau oder Danzig, sahen sich in „Abwehrkampf“ und „Gegenwehr“ gegen die in vielen Stücken repressive polnische Minderheitenpolitik als eben einer Variante der Nationaldemokratie. Die hier erhobenen Revisionsforderungen hinsichtlich der deutsch-polnischen Grenze, vor allem im Bereich des „Korridors“, bewegten sich im Konsens mit der amtlichen deutschen Politik seit Stresemann und mit der Mehrheit der deutschen Öffentlichkeit.
Über die Vorgänge der Diffamierung, Zwangsemeritierung aus dem ihm ans Herz gewachsenen Lehramt bis zur schließlichen Vertreibung von Hans Rothfels aus Deutschland liegen inzwischen verschiedene Recherchen, auch aus den Archiven, vor, die hier nicht ausführlich rekapituliert zu werden brauchen. Erste Angriffe gegen den jüdischen Professor schon im Frühjahr 1933 wurden von nicht wenigen Studenten und Assistenten in einer angesichts des politischen Drucks achtbaren Weise zurückgewiesen. Der respektierte Kurator der Albertina, Friedrich Hoffmann, forderte für den „dekorierten Frontoffizier“ und nationalpolitisch engagierten Historiker unumwunden eine „Ausnahme“ vom Rassenprinzip. Die Reichsparteileitung in München, die im Zuge der „Gleichschaltung“ an solchen Personalentscheidungen der Universität wie selbstverständlich beteiligt war, konnte noch für einige Zeit zum Stillhalten bewogen werden. Rothfels’ Lehrveranstaltungen fanden so noch bis zum Ende des Sommersemesters 1934 „ganz im alten Stil und Geist“ statt, gut besucht und ohne Störungen. Wenn die Studenten am abendlichen Seminar wegen des anschließenden SA-Dienstes in Uniform teilnahmen, so fehlte dem jede demonstrative Absicht. Intern warnte jedoch der neue Rektor, der Philosoph Hans Heyse, in den Berichten an das Ministerium vor Rothfels als „politisch gefährlich“ und „Haupt der unterirdischen Gegner“, der versuche, gemeinsam mit dem Kurator „die Universität zu führen“. Rothfels suchte seinen Platz selbstbewußt zu behaupten, „weil ich und gerade ich mich verpflichtet fühle, für das Prinzip zu stehen, daß es den Typus des willens- und leistungsmäßigen (wenn auch nicht blutmäßigen) Deutschen gibt und daß dieser Staat gerade die warnenden Stimmen unserer schmalen Generation an der Universität nötig hat zwischen den alten und jungen Versagern“, wie er schon im April 1933 seinem Freund Siegfried Kaehler geschrieben hatte. Wer in einer prekären Situation Anpassung von ihm erwartete, kannte ihn schlecht. In dem Brief formulierte er auch den Kernsatz seines wissenschaftlichen und politischen Selbstverständnisses, wenn er schrieb: „Für mich ist der Staat nun einmal, so wichtig ich auch die Volkstumsbewegung zu nehmen bereit bin, nicht Exponent des Bluts und anderer Naturtatsachen, sondern ein geschichtlich ordnendes Prinzip und objektiver Geist“. Die These vom angeblichen „Ethnohistoriker“ könnte quellenmäßig nicht besser widerlegt werden als mit diesem Satz. An gleicher Stelle umriß er auch das ganze Paradox seiner persönlichen Lage mit der Bemerkung: „Gerade weil ich das Prinzip widerlege (d.h. den „doktrinären Antisemitismus“) muß ich weg“. Es war dann der „trübe Bodensatz“, der, wie Rothfels formulierte, in den „idealistischen Aufschwung“ gemischt war, der schließlich den Ausschlag gab, freilich nicht aus Königsberg, sondern aus der Partei-Basis in Danzig, im Verein mit den internen Intrigen des ministeriellen Schriftverkehrs des Rektors.
Seine letzte Königsberger Vorlesung, noch einmal Bismarck gewidmet, schloß Rothfels am 25. Juli 1934 mit beziehungsreichen Worten. Er vermied die Ansprache des Persönlichen, „nicht weil ich die halbe Öffentlichkeit des Hörsaals zu scheuen hätte, sondern weil es meiner Auffassung jedenfalls des so viel beredeten Preußentums widerspricht, mit Persönlichem auf die Agora zu treten – in einem Augenblick zumal. wo die Wolken rings um Deutschland so dunkel geballt sind“. Die Bartholomäusnacht des 30. Juni 1934 lag gerade vier Wochen zurück. Und am gleichen 25. Juli fand in Wien ein nationalsozialistischer Putsch statt, bei dem der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermordet wurde. Die außenpolitische Lage des gerade eineinhalb Jahre an der Macht befindlichen neuen Regimes hatte in diesem Sommer einen bedrohlichen Tiefpunkt erreicht.
Am Abend zuvor schon hatte Rothfels sich in einem Gasthaus in Juditten von seinen Studenten mit Worten verabschiedet, wie er sie in solchen bewegenden Situationen zu finden in der Lage war. Er sprach von Dank, erinnernder Genugtuung, ja Freude, aber auch von Bitterkeit und Sorge. Wieder kam er auf die“ Generationenlage“ der Älteren zu sprechen, die sich bewußt seien, „rittlings der Zeitenwende zu stehen“. Den Auftrag der Orientierung und Sinndeutung aus der Geschichte wollte er auch jetzt nicht verleugnen. Und mit der objektiven Welt verband sich das ihm eigene elementare Bedürfnis der Solidarität und Gemeinschaft, wenn er den Schülern und Freunden versicherte, sie hätten ihm das Gefühl geschenkt, „an der richtigen Stelle im Generationenzusammenhang zu stehen. Die stärkste Waffe gegen Verbitterung“ werde daher die Erinnerung an das Erleben sein, „mit Ihnen in einer Gemeinschaft gestanden zu haben, wie sie wohl an wenigen Stellen des deutschen Universitätslebens Wirklichkeit geworden ist“.
„Indem das Schicksal dem deutschen Volke die Mitte Europas als Lebensraum zugewiesen hat, ist es für seine Stellung entscheidend geworden, als Belastung wie als Aufgabe, daß die Ostseite dieses mitteleuropäischen Raumes keine natürlichen Grenzen kennt, keine klaren Abscheidungen vom Gebiete anderer Völker. Auf breiter Front sind hier Vermengungen und Verzahnungen eingetreten, wie sie Westeuropa in solcher Ausdehnung nicht kennt. Den Einschüben oder Inseln fremdnationaler Bestandteile im geschlossenen deutschen Siedlungsgebiet entspricht in einem quantitativ weit höheren Maße und einer qualitativ besonders bedeutsamen Art die Ausstreuung deutschen Volkstums über das ganze nordöstliche und südöstliche Vorfeld. Und so sehr die heutigen Grenzziehungen im Osten Mitteleuropas eine Revision nach der natürlichen und willensmäßigen Nationalität nicht nur zulassen, sondern gebieterisch fordern, so wenig wäre der konstruktivste Plan imstande, eine auch nur einigermaßen saubere Übereinstimmung von Staatsgrenzen und Volksgrenzen zu bewirken. Der Nationalstaat im westeuropäischen Sinne mußte hier zur wirklichkeitsfremden und lebensfeindlichen Theorie werden“.
Mit diesen Sätzen in einem Sammelband „Deutsche und Polen“ im Jahr 1933 hat Hans Rothfels die historischen und gegenwartspolitischen Fragen umrissen, mit denen er sich seit seiner Berufung nach Königsberg 1926 intensiv befaßt hatte. Eine andere Zwischenbilanz hatte er bereits im August 1932 in einem Aufsehen erregenden Vortrag vor dem Deutschen Historikertag über „Bismarck und die Nationalitätenfragen des Ostens“ vorgelegt. Ausgehend von der aktuellen Lage nach dem Ersten Weltkrieg mit der Abtrennung Ostpreußens vom „Reich“, der Errichtung kleiner und mittlerer Nationalstaaten im „Bogen von Reval bis Bukarest“ und durch die Einarbeitung in den geschichtlichen Hintergrund dieses Raumes war ihm die jahrhundertealte Verknüpfung der Ostgrenzen des deutschen Siedlungs- und Staatsraumes mit dem ostmitteleuropäischen „Nahen Osten“ deutlich geworden, die bis in die große Kolonisationsbewegung seit dem hohen Mittelalter zurückreichte. Hatte zunächst noch der universal-christliche Gedanke den schon im 13. und 14. Jahrhundert beginnenden Prozeß der nationalen Sonderung überlagert, so verstärkte und durchkreuzte ihn das Zeitalter der Reformation. Nach Nordosten hin wurde der lutherische Protestantismus zu einer gemeinschaftsbildenden Kraft, wo der deutsche Pastoren- und Lehrerstand „zum Pfleger und Erwecker des lettischen und estnischen Volkstums“ wurden. In Polen und Litauen hingegen wurde die Gegenreformation „zu einem wirksamen Hebel der Nationalisierung“, sowohl in der Abgrenzung gegenüber Preußen und den Deutschen wie auch zur russischen Orthodoxie, nicht ohne daß freilich hier auch slawisch-baltische Völker wie Masuren, Kaschuben und Litauer und polnische Stadtbürger sich zum Protestantismus hin wandten und dadurch schließlich Preußen und Deutsche wurden. Das Zusammenspiel und die Gegenläufigkeiten der religiös-konfessionellen, national-kulturellen und ständisch-sozialen Faktoren wurde zu einer Konstante dieses Raumes mit seinem „Durcheinandergeschobensein“ der Völker.
Durch die Entscheidungen des Wiener Kongresses von 1814/15 schien dieser Raum zwischen Finnischem Meerbusen und Karpathen durch die Herrschaft der drei übernationalen Monarchien, des Zarenreiches, der habsburgischen Donaumonarchie und Preußens, einen festen Rahmen erhalten zu haben, der tatsächlich auch ein Jahrhundert Bestand hatte. Doch die in der Französischen Revolution erwachsenen demokratisch-nationalen Prinzipien hatten sich schon in der Ära des napoleonisch-französischen Hegemonie-Versuchs nach Osten hin auszubreiten begonnen, durch die Errichtung des Großherzogtums Warschau als neuem polnischen Staat (und französischem Satellitenstaat) ebenso wie durch die Erweckung eines politischen Nationalbewußtseins unter den Deutschen. Die revolutionäre Bewegung kam auch nach 1815 nicht mehr zur Ruhe, wie sich an den Ereignissen in Polen, Italien und Belgien 1830/31 und dann in der „mitteleuropäischen Revolution“ 1848/49 zeigte. Sie weckte endgültig die nationalen Aspirationen der drei „historischen Nationen“ der Polen, Ungarn und Tschechen und dann der sich dahinter schon formierenden als „ungeschichtlich“ bezeichneten Völker etwa der Slowaken, Slowenen und Ruthenen. Deutlich zeigte sich erneut die politische Osmose zwischen der Nations- und Staatsbildung in der europäischen Mitte und ihrer „Ostflanke“: ob großdeutsche oder kleindeutsche Lösung der Deutschen Frage, nationalstaatlich-unitarische oder föderalistisch-mitteleuropäische Konzepte, stets hatte das Auswirkungen nach Osten und Südosten hin. Noch rechtfertigte der Sprecher der Tschechen, Franz Palacky, in seiner berühmten Antwort an den Fünfziger-Ausschuß der Frankfurter Nationalversammlung die Existenz des Kaiserstaates als „im Interesse Europas, im Interesse der Humanität“, forderte aber gleichzeitig die Erhaltung der Einheit der „Länder der Wenzelskrone“, in der den Tschechen die führende Rolle zufallen mußte. Gleichzeitig offenbarten sich auf dem vor allem von Polen initiierten „Kongreß der slawischen Völker“ in Prag panslawistische Gemeinschaftsträume und auch handfeste polnische nationalstaatliche Gebietsforderungen bis Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien und zur „urslawischen“ Lausitz. Das erschien wie ein Prolog des Kommenden.
In dem großen „Bogen von Reval bis Bukarest“ waren es vor allem drei Schauplätze, deren historische Entwicklung und Wechselwirkungen Rothfels im einzelnen untersuchte: der nordöstliche im Baltikum mit seinen deutschen Minderheiten; die deutsch-polnische Verflechtungszone in der Mitte und der österreichisch-ungarische Nationalitätenstaat.
Hier würdigte Rothfels im Gegensatz zum Hauptstrom des nationalliberalen Urteils und nicht ohne den Einfluß der großen Metternich-Biographie Heinrich von Srbiks den österreichischen Staatskanzler. Sein gegenüber den nationalen Bewegungen des 19. Jahrhunderts skeptisches Konzept, das die „sozialen und nationalen Egoismen“ dieses Raumes durch „bündische und ständische Ordnungsreformen“ zu bändigen suchte, barg nach Rothfels’ Überzeugung „in seiner reaktionären Hülle mehr als einen fruchtbaren Keim“ und verdiente daher „in dem Maß heute Beachtung wie im inneren Staatsleben die Gefahr der sozialen Atomisierung, im äußeren die mitteleuropäische Balkanisierung Wirklichkeit geworden ist“. Auch wenn Rothfels die Grenzen des „lässigen Aristokraten“ und Angehörigen einer „internationalen Schicht“ nicht übersah, die sich in seinem mangelnden „inneren Verhältnis zu den volkhaften Kräften“ zeigte, hatte Metternich doch die „raumpolitischen Bedingungen Mitteleuropas“ wie kein Staatsmann vor Bismarck erkannt.
Ähnlich würdigte Rothfels die „kühne Vorausschau“ Friedrich Lists im Hinblick auf eine den historisch-geopolitischen Gegebenheiten Rechnung tragende mitteleuropäische Ordnung. Obwohl List als schwäbischer Liberaler „die Nationalität als den mächtigsten Faktor der Gegenwart“ betrachtete, wandte er sich gegen den Zerfall dieses Raumes in seine völkischen Bestandteile im Interesse eines „mächtigen Wirtschaftsbereichs“ auf der Achse der deutschen Kolonisation entlang der Donau nach Südosten, wo er das „deutsche Amerika“ erhoffte. Rothfels sympathisierte mit Lists Vorstellung von der deutschen Aufgabe nach Südosten und ihren „deutlich antinationalistischen und antiimperialistischen Zügen“ ebenso wie mit seiner Vorstellung von der deutschen Aufgabe der Vermittlung der Gegensätze aus der europäischen Mitte heraus „in allen Fragen der Gebietseinteilung, des Verfassungsprinzips, der Nationalselbständigkeit und Macht“, wodurch Deutschland „durch seine geographische Lage, seine Föderativverfassung, die alle Furcht vor Eroberung beim Nachbarn ausschließt, durch seine religiöse Toleranz und seine kosmopolitischen Tendenzen, endlich durch seine Kultur berufen ist“. Lists Ideen der Entstehung neuer Nationen im Südosten als Ergebnis völkischer Mischung auf dem donaueuropäischen Kolonialboden mochte wie eine Neubelebung Metternichscher Ideen in der nachfolgenden Generation verstanden werden.
Rothfels schätzte Lists Ideen, auch wenn er sich natürlich über eine gewisse Politikferne des schwäbischen Liberalen im klaren war. Die ethnische Mischzone des Südostens bedurfte eines harten politischen Kerns in der europäischen Mitte, für den dann Bismarcks Reichsgründung sorgte. Bestand hier erst einmal eine „feste Wand“, dann konnte sich der Südosten an sie anlehnen und seine eigene politisch-gesellschaftliche Ordnung entfalten, für die gerade Bismarck einige grundlegende Paradigmen entwarf. 1874 hatte er gegenüber dem ungarischen Journalisten Jockay seine Überzeugung geäußert, daß „die Errichtung von kleinen Nationalstaaten im Osten Europas unmöglich“ sei und dort „bloß historische Staaten möglich“ seien. Und auch in seinen „Gedanken und Erinnerungen“ fragte er ganz grundsätzlich: „Was sollte an die Stelle Europas gesetzt werden, welche der österreichische Staat von Tyrol bis zur Bukowina bisher ausfüllt? Neue Bildungen auf dieser Fläche könnten nur dauernd revolutionärer Natur sein“. Die Habsburger Monarchie mit ihren föderalen Formen bot für Bismarck, wie Rothfels immer wieder betonte, die optimale Lösung, um den „großen leeren Fleck“ zwischen Deutschland und der Türkei auszufüllen. Dem Ausgleich der vielfältigen ethnisch-nationalen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen und Gegensätze dieses Raumes konnten nur übernationale Ordnungsformen dienen und so zu seiner menschenmöglichen inneren wie außenpolitischen Stabilität beitragen. Und nicht zuletzt war damit eine deutliche Konsequenz verbunden: Der „Anschluß“ der national-deutschen Gebiete der Monarchie lag völlig außerhalb nicht nur der Staatsräson der Doppelmonarchie, sondern auch der Vorstellungswelt Bismarcks. Sie hätte die Pandora-Büchse des Nationalismus und der „Balkanisierung“ des gesamten Raumes bis zum Schwarzen Meer und zur Adria geöffnet mit schwerwiegenden Rückwirkungen auf das europäische Mächtekonzert und Gleichgewicht insgesamt. Schon die Entscheidung von 1866 hatte die deutsche Führungsrolle in der Donaumonarchie empfindlich geschwächt. Bismarcks Erwägungen im Sommer von Königgrätz, gegen den Kaiserstaat die „Sprache von 1792“ zu sprechen und mit einem „Acheronta movebo“ die Nationalbewegungen der Ungarn, Serben und Rumänen gegen Wien zu mobilisieren, blieb nur ein kurzes Zwischenspiel. In Nikolsburg und im Frieden zu Prag kehrte Bismarck rasch wieder aus guten Gründen zur sorgsamen Behandlung der Donaumonarchie zurück. Der Zweibund von 1872 erneuerte die Prinzipien Metternichs in zeitgemäßer Form nach Art einer Ellipse mit den Brennpunkten der beiden zentraleuropäischen Kaiserstaaten. Wieder erhielt die Staatsräson den Vorrang vor nationalen Sympathiegefühlen, so wenig Bismarck müde wurde, den österreichischen Landsleuten die deutsche Unterstützung für ihre politische und kulturelle Selbstbehauptung im Vielvölkerstaat zu versichern, etwa in mehreren Adressen und Reden an deutsch-österreichische Besuchergruppen in Friedrichsruh. Aber auch das war etwas anderes als „Ethnopolitik“, die man in den letzten Jahren ziemlich leichtfertig als bloße Tarnung letztlich doch politisch imperialistischer Ziele denunziert hat, während es Rothfels (wie Bismarck) vor allem um die Behauptung des in langen Jahrhunderten gewachsenen „völkischen“ Bestandes ging.
Dieses Paradigma Bismarckscher „Ostpolitik“ wiederholte sich im nordöstlichen Teil der „Gesamtfront“. Auch hier ordnete der Kanzler das Verhältnis zu den Deutschbalten der Staatsräson des Bündnisses mit Rußland unter, diesem Schlußstein eines kunstvollen außenpolitischen Gewölbes zur Sicherung des Reiches in der Mitte. Auch hier konnte Bismarck sich nicht der Erkenntnis entziehen, daß die seit den achtziger Jahren zunehmende Russifizierungspolitik im Baltikum auch eine Reaktion auf die Entstehung des deutschen Nationalstaates war, so daß es insbesondere auch die wachsende panslawistische Propaganda vom „germanischen Drang nach Osten“ und deutscher Aggressionsgelüste zu widerlegen galt. Abgesehen von einigen wenigen Interventionen, etwa zugunsten der deutsch-baltischen lutherischen Kirche, hat Bismarck immer wieder das deutsche Desinteresse am Baltikum betont. Zwar verfolgte er auch hier, wie er etwa im April 1870 an den preußischen Gesandten in Petersburg schrieb, „die Bestrebungen der deutschen Bevölkerung, ihre Nationalität und ihre Sprache zu bewahren, mit Teilnahme“. Aber das Gesetz der Staatsräson behielt Vorrang nicht nur vor der gemeinsamen Nationalität, sondern auch hinsichtlich der „gemütlichen Interessen“ etwa des altmärkischen Junkers an der wesensverwandten deutschbaltischen Aristokratie. Diese leistungsstarke deutsche Oberschicht, wie Bismarck sagte, der „Guano, der jene große russische Steppe düngt“, sollte ihren Beitrag zur Stabilität des Zarenreiches leisten. Die im deutschbaltischen Adel und Bürgertum noch lebendigen Institutionen der Selbstverwaltung und des genossenschaftlichen Zusammenhalts, der hier wirksame Geist ständischer Unabhängigkeit benötigte den Fortbestand des föderalen supranationalen Reiches. Die verstärkten Russifizierungsbestrebungen im Baltikum richteten sich daher nach Bismarcks Überzeugung letztlich gegen die eigene Staatsräson. Nicht durch Irredenta-Bestrebungen, die es in der Oberschicht der deutsch-baltischen Minderheit ohnedies nicht gab, sondern durch das „Draußenstehen“ dieser „Volksgruppe“ diente sie als stiller Verbündeter dem Zaren gegen die „Sprengkraft von Nationalismus und Demokratie“. Indem auch hier „die naturalistischen Kräfte der Nation und Rasse in den staatlich-geschichtlichen Rahmen eingeordnet blieben“, dienten sie am besten auch ihren eigenen Interessen friedlicher Behauptung, die von beiden Seiten, dem Panslawismus und dem Pangermanismus, nur in Frage gestellt werden konnten.
Der zentrale Bereich an der „autonomen Ostseite des Reiches“, die nie eine auch nur einigermaßen klare Übereinstimmung von Staats- und Volksgrenzen gekannt hatte, war der deutsch-polnische Verflechtungsraum, eine Region politischer und ethnisch-nationaler Konflikte schon seit Jahrhunderten, die auch von der Beseitigung des polnischen Staates am Ende des 18. Jahrhunderts nicht beendet worden waren. Die polnische Nationalbewegung dauerte in der Zeit des napoleonischen Kaisertums ebenso fort wie in den Revolutionsetappen von 1830 und 1848. Ihre Wortführer stellten die Grenzen von 1815 fortdauernd in Frage, so daß Bismarck schon 1848 in einem Leserbrief an die Magdeburger Zeitung schrieb, sie würden nicht ruhen, „solange sie nicht die Weichselmündung und außerdem jedes polnisch redende Dorf in West- und Ostpreußen, Pommern und Schlesien von uns erobert haben würden“. Anläßlich des neuerlichen polnischen Aufstands von 1863 sprach der preußische Ministerpräsident von den Träumen der „polnischen Insurgenten“, die bis an die Oder reichten und dadurch „die Kernlande der Monarchie“ und „den Staat an seiner letalsten Stelle“ bedrohten. In Bismarcks Argumenten tauchten mehrfach die starken französischen Garnisonen in Danzig und Glogau in den Tagen Napoleons und des Großherzogtums Warschau auf, wonach ein wiedererstehender polnischer Staat erneut zu einem „französischen Lager an der Weichsel“ werden würde.
Bismarck kannte jedenfalls die „Fatalität“ der „Völkergemengelage“ gerade in der deutsch-polnischen Grenzzone wie kaum ein anderer. Auch hier wurde sein Denken nicht von nationalen und nationalstaatlichen Prinzipien bestimmt. Angesichts der fatalen Alternative starrer Status-quo-Behauptung oder der Öffnung der Pandora-Büchse nationaler Grenzen und Konflikte war Bismarck, wie Rothfels hervorhob, gegebenenfalls auch zu unkonventionellen Lösungen bereit. Sein Staatsgedanke mit dem Vorrang historisch-politischer Ordnung vor der nationalen, ließ ihm unter Umständen auch eine preußisch-polnische Personalunion nach dem Muster der österreichisch-ungarischen als denkbar erscheinen oder – zur Abwehr einer russischen Bedrohung – eine Wiederherstellung Polens mit einem habsburgischen Erzherzog als König. Als Exempel der nationalen Unbefangenheit des Reichsgründers verwies Rothfels auf dessen Hinweise auf Masuren, Kaschuben und Litauer, die mehrheitlich zuerst protestantisch und dadurch dann auch preußisch und deutsch geworden seien. Auch habe der Große Kurfürst „so gut polnisch wie deutsch gesprochen“, und dem Kronprinzen Friedrich gegenüber, der gefordert hatte, die Polen sollten in der Armee Deutsch lernen, hatte Bismarck gemeint, es sei wichtiger, daß sie gute Soldaten würden, dann könne man ruhig in ihrer Muttersprache mit ihnen sprechen.
Doch solche
Reminiszenzen konnten nicht darüber hinwegtäuschen, daß bei der polnischen
Bevölkerung patriarchalisch-dynastisch-staatliche Loyalität dahinschwand und
der moderne Nationalgedanke überall im Vormarsch war, sowohl beim städtischen
Mittelstand wie bei den Bauern, die von der Kirche in diesem Sinn beeinflußt
wurden. Die preußisch-deutsche Seite geriet in die Defensive, wie sich schon in
den siebziger Jahren während des Kulturkampfes zeigte, der von Bismarck im
Blick auf die Polen auch unter nationalpolitischen Motiven geführt wurde, und
dann verstärkt in den achtziger Jahren als die preußische Regierung auf die
deutsche Abwanderung aus den östlichen Grenzgebieten und auf verstärkte
polnische Zuwanderung mit einem Ansiedlungsgesetz und umfangreichen Ausweisungen
von Polen ohne preußische Staatsbürgerschaft reagierte. Auch jetzt wurde
Bismarck nach Rothfels’ Urteil aber kein „Vertreter des nationalstaatlichen
Gedankens in der Polenfrage“ und ist er „der nationalliberalen Zielsetzung
des weltlichen und unitarischen Staates“ mit ihren germanisierenden Tendenzen
ferngeblieben. Auch unter den sich verschärfenden Bedingungen des ethnischen
Konflikts sei der Kanzler nicht zum Nationalisten und Imperialisten im Sinne
volksmäßiger Feindschaft gegen das Polentum geworden. Die polnische Landbevölkerung
sollte nach seiner Meinung für den preußischen Staat durch ihre
zivilisatorische Hebung gewonnen werden, so daß sie ihre kulturelle Überlegenheit
gegenüber den Landsleuten in Kongreßpolen demonstrieren konnte. Doch eben
diese Sichtweise wurde von der Entwicklung überholt. Der Aufbau des polnischen
Vereins- und Genossenschaftswesens sorgte dafür, daß die Zeit der
„bequemen“ und „folgsamen“ Polen auch auf dem Lande zu Ende ging, und da
halfen auch die Versuche nicht, etwa Adel und Landbevölkerung gegeneinander
auszuspielen. Auf deutscher Seite setzten sich die nationalliberalen Tendenzen
und nationalistischen Versteifungen in der Polenpolitik mehr und mehr durch. Das
deutsch-polnische Verhältnis wurde zur Achillesferse des Versuchs, das Problem
mit vornationalstaatlichen, staatlich-kulturellen und föderalistischen
Argumenten und Konzepten zu lösen. Die Welle des integralen Nationalismus auf
beiden Seiten steigerte sich vor und noch mehr nach dem Ersten Weltkrieg.
Rothfels hat die hier wirksamen Schranken in Bismarcks Sicht des
deutsch-polnischen Konflikts nicht verkannt, daraus aber nicht die Folgerung
gezogen, daß die erstrebten Alternativen zum nationalstaatlichen Prinzip,
jedenfalls in der deutsch-polnischen Problemlage, schon in der Endzeit der
Regierung Bismarcks gescheitert waren. Und die Frage drängte sich auf, ob sich
dieser Tatbestand durch die tiefgreifenden Veränderungen der politischen
Neuordnung von 1919/20 geändert haben mochte, so daß ein Neubeginn unter
supranationalen „Überwölbungen“ und mit autonomistischen Lösungen möglich
wurde. Rothfels selbst war hier zumindest im Blick auf das deutsch-polnische
Problem nicht optimistisch. Er beklagte gerade in diesem Fall den „elementaren
Kampf der Völker hinter dem offiziellen Staatsfrieden“. Doch auch die
Geschichtswissenschaft beider Seiten verharrte in Polemik und weitgehender
Kontaktlosigkeit.
Die Parole der „Freiheit der Völker“ und die Legitimationsidee der Nachfolgestaaten in diesem Raum – „innerpolitisch demokratisch, außenpolitisch nationalistisch“ – war bei Kriegsende eine zündende Idee, der etwa Thomas Garrigue Masaryk, der Vorkämpfer und Gründer der Tschechoslowakei, mit seinem Buch „Das Neue Europa – Der slawische Standpunkt“ beredten Ausdruck verliehen hatte. Dieses Programm verband die Emanzipation der „kleinen Leute“ von der feudal-aristokratischen Vergangenheit mit der Befreiung der „kleinen Völker“ des Ostens von den „mittelalterlichen Überbleibseln“ Preußen, Österreich und der osmanischen Türkei in der Synthese einer „neuen Humanität“ aus westlichem demokratischem Sendungsbewußtsein mit östlich-messianischen hussitischen Brüderlichkeitsideen.
Doch schon bald nach 1920 zeigte sich, daß die politische Neuordnung dieses Raumes seine Grundprobleme nicht gelöst, sondern tief in der Geschichte wurzelnde Konflikte eher konserviert und verschärft hatte. Was als Freiheitsbewegung ins Leben getreten war, verkehrte sich in wenigen Jahren zu deren „vollem Widersinn“. Der Anspruch auf den eigenen Nationalstaat öffnete den Weg zu einer Welt labiler Nationalitätenstaaten, das Konzept der „nation une et indivisible“ führte zu einer „vielfältig zersplitterten und zersplitternden Neubelebung“ des habsburgischen Vielvölkerstaates in jeweils verkleinertem Maßstab, die Anwendung des nationaldemokratisch-parlamentarischen Mehrheitsprinzips zur ständig drohenden Gefahr der nationalen Unterdrückung, der Majorisierung der nationalen Minderheiten und ihrer Assimilierung durch die Mehrheits- und Staatsnationen. Und nicht zuletzt führte die „ideologische Begründung des ‚Neuen Europa‘ von Westen her in der Wirklichkeit zu einer groben machtpolitischen Ausnutzung der Ostzone durch den Westen“. Rothfels meinte mit diesem freimütigen Urteil, daß sich hinter dem ostmitteleuropäischen Nachkriegsarrangement der machtpolitische Kern der französischen Hegemonialpolitik verbarg, die das Bündnis der „Kleinen Entente“ mit den östlichen Nachfolgestaaten Tschechoslowakei, Polen, Jugoslawien und Rumänien als politisch-militärisches Instrument gegen die deutsch-europäische Mitte verstand. Nahm man noch das „drohende Rätsel des Ostens“ in Gestalt des revolutionären bolschewistischen Rußland hinzu, so mußten die Zukunftsaussichten dieses „Zwischeneuropa“ zwischen den deutschen Ost- und den sowjetrussischen Westgrenzen als unsicher und gefährdet erscheinen.
In dieser durch den Weltkrieg und die neue Staatenordnung tief verwandelten ostmitteleuropäische Wirklichkeit konnte es, wie Rothfels sich bewußt war, nicht um eine „schematisch-inhaltliche Wiederbelebung Bismarckscher Gedanken“ gehen, was „an und für sich widerhistorisch und insbesondere dem Wesen des ersten Kanzlers so ungemäß wie möglich“ gewesen wäre. Doch auch nach dem Umbruch von 1918/20 bestand die Realität des „Durcheinandergeschobenseins“ der Völker fort, sodaß die Bismarcksche Überlieferung als regulative Idee gültig blieb, wonach diese östliche Wirklichkeit „von der nationalstaatlichen Perspektive alleine aus nicht zureichend erfaßt werden kann“ und auch in Zukunft den „Gedanken der Symbiose mit anderen Völkern“ nahelegte. Auch die Ostpolitik der deutschen Republik konnte, ja mußte hier an Bismarcks Überlieferung anknüpfen, „sich selbst eine Schranke auf dem Weg zur ‚Nation‘, als abschließender Einheit“ zu setzen, jedoch „den Weg zum ‚Volk‘“ offenzuhalten. An der autonomen „Ostseite des Reiches“ bedeutete „Autonomie“ den Verzicht auf das nationalstaatliche Modell für die Grenzziehung, Verzicht auch „auf planmäßige Germanisierung und Irredentapolitik“, zugleich aber die Unterstützung der „im östlichen Vorfeld ausgestreuten“ deutschen Volksgruppen, ihre Hilfe in der Abwehr ihrer Assimilation durch die Mehrheitsnationen. Es entsprach der für Rothfels so charakteristischen Bemühung um Gerechtigkeit für beide Seiten, seiner „dialektischen“ Herangehensweise an die Probleme, wenn er entsprechend dem „Wesen national gemischter Gebiete“ dafür eintrat, nicht „an die berechtigte Selbständigkeit der Völker zu rühren, die mit dem deutschen Volke im Gemenge oder in Nachbarschaft liegen“, zugleich aber auch die „notwendige Selbständigkeit für diejenigen deutschen Volksteile, denen der Nationalstaat versagt ist“, forderte. In dieser Gleichung war die „nationale Autonomie“ für die Minderheiten in den neuen ostmitteleuropäischen Staaten die Voraussetzung für deren „Bereitschaft, unter opferwilligem Festhalten der Eigenart, mit anderen Nationalitäten zusammenzuarbeiten am gleichen Staat, so wie es das Schicksal gefügt hat, zusammenzuarbeiten nicht nach dem demokratischen Maßstab der Zahl, sondern als körperschaftliche Partner in organischem Nebeneinander, in nationalständischen Formen.“ Rothfels ging es im Sinne Bismarcks um einen „europäischen Ordnungsgedanken“, wenn er gegen die „sprengenden Kräfte“ der neuen Mittel- und Kleinstaaten in Ostmitteleuropa mit ihren vielfältigen, aus den nationalen Mischlagen herrührenden innerstaatlichen Konflikten, die den europäischen Frieden insgesamt bedrohten, eine „innerlich gegründete, von der Mitte her gedachte Gegenposition“ gegen die prekäre französische Hegemonialpolitik in Osteuropa, eine Position, die er kennzeichnete als „ein konservatives Prinzip der Objektivität“ und als ein „Ethos der Macht, die sich selbst Grenzen setzt, die nichts Missionarisches und Agitatorisches hat, sondern aus eigenen deutschen Interessen zugleich zum Garanten der Staatengesellschaft wird.“
Dieses Konzept der Mäßigung und Relativierung nationaler Ansprüche im Interesse der Sicherung friedlicher und stabiler Verhältnisse in Osteuropa hatte eine wesentliche Voraussetzung: Die erwünschte Zusammenarbeit der Nationalitäten und Minderheiten mit den jeweiligen Staats- und Titularnationen erforderte die Ablösung, zumindest eine tragfähige Ergänzung des nationaldemokratisch-parlamentarischen Mehrheitsprinzips durch korporativ-autonome Rechte und Institutionen der Minderheiten im Rahmen föderaler und dezentraler Staats- und Verwaltungsstrukturen. Hier konnten wesentliche Teile des Bismarckschen Staats- und Verfassungsdenkens fortzuentwickelnde Anregungen geben. Es gab darüber hinaus aber auch eine lange Reihe ähnlicher Gedanken und Lösungsvorschläge in der politischen Debatte schon in der alten Donaumonarchie seit der gescheiterten Revolution von 1848/49, von denen hier einige genannt zu werden verdienen und die auch Rothfels zum Teil bekannt waren. Anton Heinrich Springer, ein aus Böhmen stammender Teilnehmer an der Revolution, hatte 1849 nach Deutschland emigrieren müssen und dort ein Buch veröffentlicht unter dem Titel „Österreich nach der Revolution“ (Leipzig 1850), das man „die geistvollste Verteidigung, welche das föderalistische System in Österreich je gefunden hat“ nannte. Springer wies entschieden den Anspruch einer Majorität zurück, in nationalen Fragen entscheiden zu wollen. Er verglich die Natur und die Rechte der Nationalität mit denen der Religion und des religiösen Bekenntnisses. Keine noch so große Majorität könne „mir die Abschwörung meiner Nationalität befehlen, ich werde mich im Bewußtsein meines ewigen Rechtes stets dagegen sträuben, weil ich sie als eine meiner Lebenswurzeln, als einen Teil meiner Existenz anerkenne“. Unabhängig von den politischen Standorten, ob konservativ oder fortschrittlich, entwickelte sich im habsburgischen Vielvölkerstaat der Konsens, daß jede Majorität dazu neige, „ihre Macht zur Unterdrückung jeder in der Minderheit befindlichen Nationalität (zu) gebrauchen, bis der Begriff des Staates mit dem des Volkstums identisch geworden ist, oder man erkennt die absolute Souveränität der Majorität nicht an und stellt für jede einzelne Nationalität gewisse unveräußerliche Rechte fest, welche außer dem Gebietskreis dieser Souveränität liegen“. Die Einsicht setzte sich immer mehr durch, daß in national gemischten Räumen wie der Donaumonarchie zentralstaatliche Parlamentsmehrheiten zu einer fortdauernden Majorisierung und Unterdrückung der nationalen Minoritäten führen und daher durch autonome Institutionen, Selbstverwaltungsinstitutionen und -vertretungen im Rahmen eines föderativen Verfassungssystems abgelöst werden mußten. Ansätze dazu wurden in verschiedenen „Ausgleichen“ (in Mähren 1905, in der Bukowina 1910) realisiert, wo aufgrund nationaler Wählerverzeichnisse (Kataster) in den Landtagen nationale Kurien eingerichtet oder (wie in Böhmen und Tirol) die Schul- und Kulturbehörden national geteilt wurden. Nicht zuletzt wurden die Nationalitätenprobleme in der österreichischen Sozialdemokratie intensiv und lebensnah erörtert, die in ihrem Brünner Programm von 1899 die Umwandlung der Doppelmonarchie in einen „demokratischen Nationalitäten-Bundesstaat“ forderte mit „autonomen Selbstverwaltungsgebieten, die sich möglichst den Sprachgrenzen anpassen“, während dem fortbestehenden Gesamtstaat die Zuständigkeiten für Außen- und Wirtschaftspolitik verbleiben sollten. In der Folgezeit haben führende Vertreter der österreichischen Sozialdemokratie wie Karl Renner und Otto Bauer diese Diskussion fortgeführt. Insbesondere Renner hat dabei die prinzipielle Überlegenheit des multinationalen Staates gegenüber dem „bürgerlichen Nationalstaat“ betont und sein Konzept der territorialen Autonomie in national geschlossenen Gebieten und nationaler Personalautonomie in stark gemischten Gebieten als Mittel gegen die ansteigende Flut des Nationalismus verstanden. Später haben die österreichischen Sozialdemokraten sich für das nationale Selbstbestimmungsrecht und deshalb 1918 auch für den Anschluß an Deutschland ausgesprochen.
Da die Nationalitäten-Debatte auch nach 1920 kein Ende fand, hat 1925 der angesehene Wiener Staatsrechtslehrer Hans Kelsen auf dem Hintergrund der historisch-politischen Erfahrungen in der Doppelmonarchie in sie eingegriffen und die nicht veränderbare Dauer-Suprematie der Mehrheitsnationen in den jungen Nachfolgestaaten über die nationalen Minderheiten als Quelle der fortwährenden inneren Konflikte diagnostiziert. Auch Kelsen nahm die Forderung auf, den Minoritäten autonome Institutionen und Vertretungskörper – zumindest in nationalen Kulturfragen – zuzubilligen, die der Zuständigkeit des Gesamtstaates und des Zentralparlaments entzogen werden mußten. Eines der ersten Modelle dieser Art, das bald als vorbildlich und als Eintrittskarte in den Kreis der freien Völker gewürdigt wurde, war das Gesetz der Republik Estland im Jahr 1925 über die national-kulturelle Minderheitenautonomie, das eigene Schul- und Kulturverwaltungen der Minderheiten mit örtlichen Kuratorien zur Verwaltung ihres eigenen Schulwesens einrichtete.
Auch in den neuen Staatsnationen gab es vereinzelte Stimmen, die ähnliche Lösungsvorschläge vortrugen. So hat etwa der Professor der Philosophie an der Prager Karls-Universität, Emanuel Rádl, am Beispiel der Tschechoslowakei die Mängel der Theorie und Praxis eines nur individualrechtlichen Minderheitenschutzes aufgezeigt, wie er in den Minderheitenschutz-Verträgen der Alliierten mit den neuen Staaten im Jahr 1919 festgelegt worden war. Auch Rádl sprach von „unveräußerlichen oder angeborenen Rechten“ der Nationalitäten, also kollektiv-korporativen Rechten, „die weder der Verfassung noch dem Willen des Volkes“ entspringen, sondern naturrechtlicher Art seien. Er zählte dazu das „Recht auf eigene Sprache, auf eigenes literarisches, künstlerisches und wissenschaftliches Leben sowie auf die zur Erhaltung dieses Lebens notwendigen Mittel“. Der tschechische Philosoph erkannte die Unhaltbarkeit und Misere des Zustandes in seinem Staat, wo auch noch zehn Jahre nach seiner Gründung die beiden stärksten Minderheiten, die Deutschen und die Ungarn, „als ein unerwünschtes, gefährliches, verdächtiges, fremdes Element“ betrachtet wurden. Er stand in dieser staatlichen Existenzfrage der Tschechoslowakei insbesondere den deutschen Sozialdemokraten in Böhmen und Mähren nahe, die schon bei der Gründung der Republik 1919 gefordert hatten, den „unechten“ National- und faktischen Nationalitätenstaat durch einen „Föderativstaat freier und gleichberechtigter Nationen“ zu ersetzen. Solche weitsichtigen Erkenntnisse in den Reihen der anfangs verständigungsbereiten Minderheiten wie auch bei einzelnen Autoren aus der eigenen Staatsnation vermochten sich jedoch gegen die Wogen des integralen Nationalismus nach dem Ersten Weltkrieg nicht durchzusetzen. Als 1936 der tschechoslowakische Außenminister und Historiker Kamil Krofta in einer öffentlichen Rede einräumte, daß die Tschechoslowakei gegen den Willen beträchtlicher Teile der deutschen Bevölkerung gegründet worden war und von der Anerkennung der Deutschen als „zweitem Staatsvolk“ sprach, wurden trotz der vorgerückten Stunde daraus keine praktischen Folgerungen gezogen, die geeignet gewesen wären, „München“ 1938 zu verhindern.
Es gilt jedenfalls festzuhalten, daß das ostmitteleuropäische Neuordnungskonzept von Hans Rothfels inmitten einer breiten nationalen und internationalen Debatte über die Reformbedürftigkeit der Staatenordnung von 1919/20 stand. Es würde eine eigene umfangreiche Studie erfordern, um alle jene Stimmen zu Wort kommen zu lassen, die – beginnend schon bei der Pariser Friedenskonferenz selbst – mit wesentlichen Grundgedanken von Rothfels zur Nationalitätenfrage und ihren Lösungsmöglichkeiten übereinstimmten. Schon im Kreis der Expertengruppe des amerikanischen Präsidenten Wilson übte zum Beispiel Professor Archibald Carry Coolidge als Sachkenner der osteuropäischen Geschichte nach mehreren Informationsreisen nach Osteuropa zwischen Januar und Mai 1919 entschiedene Kritik an den von der Konferenz getroffenen Entscheidungen. Er hatte als Grundregel hinsichtlich der Grenzziehungen vergeblich empfohlen, die Zahl der Deutschen in den neuen Staaten so klein wie möglich zu halten. Ähnlich wie Rothfels sah er die Schwierigkeiten, im osteuropäischen Raum das nationale Selbstbestimmungsrecht im Sinne der westlichen Kriterien individueller Freiheit und Gleichheit zu definieren anstatt historisch gewachsene kollektive Konzepte anzuwenden. Coolidge stand der in Versailles und St. Germain praktizierten Verwischung der Kriterien der nationalen Selbstbestimmung mit historischen, strategischen und ökonomischen Gesichtspunkten und Interessen mit größter Skepsis gegenüber. Ein solcher machtpolitischer Opportunismus, wie er bei den meisten Staatsbildungen des Jahres 1919/20 Pate stand, mußte nach der Überzeugung des Amerikaners nicht zur Stärkung, sondern zur Schwächung und Delegitimierung der neuen Staaten wie des ganzen ostmitteleuropäischen Staatensystems führen. Bekanntlich haben sich in Versailles auch unmittelbar an den Entscheidungen beteiligte Staatsmänner wie der englische Premierminister David Lloyd George ähnlich geäußert. In seinem von Weitblick zeugenden sogenannten Fontainebleau-Memorandum vom 25. März 1919 hatte er davor gewarnt, „mehr Deutsche der deutschen Oberhoheit zu entziehen und sie der Herrschaft einer anderen Nation zu unterstellen als unbedingt nötig“; er konnte sich „keinen besseren Grund für einen künftigen Krieg vorstellen als wenn das deutsche Volk von einer Reihe kleiner Staaten umgeben sein sollte, in denen eine große Zahl von Deutschen leben, die sich nach einer Wiedervereinigung mit ihrem Mutterland sehnen“. Lloyd George gelang es schließlich, die Anberaumung von Volksabstimmungen in den umstrittenen Gebieten Ost- und Westpreußens sowie Oberschlesiens durchzusetzen. Auch der amerikanische Außenminister Robert Lansing gehörte zu den Kritikern der in Versailles getroffenen Entscheidungen, wie er allerdings erst in seinen Erinnerungen bekannte. Auch nach seiner Auffassung war es eine Verletzung des Selbstbestimmungsrechtes, daß „durch die Neuregulierung der deutschen Grenzen Millionen von Menschen deutschen Blutes unter die Oberhoheit der neu geschaffenen Staaten Polen und Tschechoslowakei gestellt wurden“.
Nach dem Abschluß des Locarno-Vertrages flammte diese internationale Diskussion erneut auf. 1926 nannte der britische Botschafter in Berlin, Lord D’Abernon, den polnischen Korridor „das Pulverfaß Europas“. Der englische Publizist Robert Donald sprach 1929 vom Korridor als dem „weitaus drohendsten Sturmzentrum auf dem Kontinent“, dessen Beseitigung eine „zwingende Aufgabe der Staatsmänner“ sei. Auch französische Beobachter wie René Martel, Professor für Slawistik an der Sorbonne, betonten die Übereinstimmung der Parteien in Deutschland bis hin zur Sozialdemokratie in der „Ansicht, daß die gegenwärtige Lage (an der deutschen Ostgrenze; K.H.) krankhaft und auf die Dauer unerträglich ist“ und eine Revision erforderte. Rothfels’ Auffassung zur Revision der Korridorgrenze unterschied sich im übrigen auch nicht von der amtlichen deutschen Außenpolitik seit Gustav Stresemann, der 1925 als „das nächstliegende Ziel der deutschen Außenpolitik die schrittweise Revision der politisch und wirtschaftlich unhaltbaren Grenzbestimmungen der Friedensdiktate (polnischer Korridor)“ genannt hatte. In einem Vortrag vor Studenten in Tübingen 1927 sprach der Reichsaußenminister auch öffentlich von seinem Ziel, nach der „Befreiung des Rheinlandes“ und des Saargebietes von „feindlichen Truppen“ sich einer „grundlegenden Korrektur der deutsch-polnischen Grenze: Rückgabe Danzigs und Schlesiens“ zuwenden zu wollen. Als Gegenleistung deutete er wirtschaftliche und finanzielle Hilfen für Polen angesichts seiner prekären Wirtschaftslage an.
Hans Rothfels’ Überlegungen zur ostmitteleuropäischen Neuordnung waren gewiß nicht spannungsfrei. Auf der einen Seite war es für ihn keine Frage, daß sie geschehen sollte „in einer Art, wie sie dem Wesen nationalgemischter Gebiete entspricht, d.h. ohne an die berechtigte Selbständigkeit der Völker zu rühren, die mit dem deutschen Volk im Gemenge oder in Nachbarschaft liegen“. Andererseits galt das unter der Voraussetzung „der notwendigen Selbständigkeit für diejenigen deutschen Volksteile, denen der Nationalstaat versagt ist“. Das bezog sich vor allem auf den eigentlichen wunden Punkt der Nationalitätenkonflikte, das deutsch-polnische Verhältnis. Wenn Rothfels im Hinblick auf die „Wiedererrichtung des polnischen Staates“ meinte, man werde „auch von deutscher Seite zunächst rundweg anerkennen müssen, daß die Zähigkeit und Opferbereitschaft, mit der das polnische Volk durch fast anderthalb Jahrhunderte nichtstaatlicher Existenz an seinen nationalen Zielen festgehalten hat, alle Bewunderung verdient“, war das Ausdruck eines hohen Respekts für eine nationalbewußte Tradition, die er auf deutscher Seite häufig vermißte. Blickt man auf die betreffende deutsche und internationale Diskussion, wird man hier keine „nationalistische Radikalisierung seiner politisch-historischen Argumentation“ erkennen können und vollends nicht, daß er das Lebensrecht des polnischen Staates in Frage gestellt hätte. Rothfels hat das selbst mit der Bemerkung dementiert, daß das „Bewußtsein für den unersetzlichen Wert des Volkstums, an dessen Erweckung im ganzen Ostraum Herder wesentlich beteiligt war, niemand rückläufig machen“ wolle. Etwas anderes war die Frage, „ob die Erfüllung der polnischen nationalen Bedürfnisse die Errichtung eines selbständigen polnischen Staates in solcher Ausdehnung nötig machte, ob sie die Zerreißung des ganzen östlichen Raums rechtfertigen kann, letzten Endes auch für das Polentum selbst“. Die „Beseitigung der widernatürlichen Grenze“, die Wiederherstellung der „unmittelbaren Verbindung (Ostpreußens) mit dem Gesamtstaat“ durch die „Rückgabe des Korridors“ erschien ihm in Übereinstimmung mit großen Teilen der nationalen und internationalen Öffentlichkeit als eine legitime und maßvolle Forderung. Es ging um „das große Mittelstück (Westpreußens), das zusammen mit dem Bromberger und Soldauer Gebiet den ‚Korridor‘ im engeren Sinn bildet“. Hier war er in Übereinstimmung mit der Mehrheit seiner Zeitgenossen bis hin zur Sozialdemokratie und hatte keine euphemistische Verschlüsselung „gelehrtenpolitischer Blütenträume“ nötig.
Ebenso wenig hat er geleugnet, daß auch sein Fernziel die Beseitigung der seit 1919 bestehenden französischen Vormachtstellung in Ostmitteleuropa durch eine „von der Mitte her gedachten Gegenposition“ war. In diesem Sinn stellte er die Frage nach den „geistigen und organisatorischen Kräften, die geeignet sind, den gefährdeten Ostraum zusammenzufassen“, also die Frage nach der politischen Führung in diesem Raum, die er selbst beantwortete, sie müsse „letzten Endes vom deutschen Volk“ ausgehen, weil es „als einziges diesen Lebensraum im ganzen erlebt und mit seinen Menschen wie mit seiner Gesittung befruchtet hat“, es werde daher „alles darauf ankommen, ob das deutsche Volk der Mitte Kräfte bereit hält zur Ordnung zwischen den Völkern, ein Prinzip staatlicher Formung, das den Erfordernissen national gemischter Gebiete Rechnung trägt“. Diese aus heutiger Sicht „Deutschtumszentriertheit“ mag als romantisierende Erinnerung an den „alten Kampfboden des Koloniallandes“ und an die preußisch-deutsche Reichsidee gelten, sie war jedoch keine befremdliche Einzelmeinung und jedenfalls eine mögliche Alternative zum so problematisch gewordenen Status quo von 1920 wie vollends zur rassen-imperialistischen Revisions-Variante der Nationalsozialisten.
Hinsichtlich der Beurteilung der Erfolgsaussichten seiner Überlegungen zur Neuordnung in Ostmitteleuropa war Rothfels selbst schwankend. Er war Realist genug, um die widerstrebenden Kräfte nicht zu verkennen. Obwohl sich, schon angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Erkenntnis der Notwendigkeit großräumigerer wirtschaftlicher Zusammenarbeit aufdrängte, blieben die „Tendenzen schärfster nationalstaatlicher Abgrenzung“ stark. Insbesondere bei den politischen und intellektuellen Eliten war die politische und kulturelle Orientierung nach Frankreich und Westeuropa auch Ausdruck tiefen Argwohns und Mißtrauens aus der Erinnerung an die Zeit der drei großen übernationalen Monarchien. In mancher Hinsicht hat Rothfels die Stärke dieser Kräfte und die Wurzeln des Mißtrauens wohl nicht unerheblich unterschätzt. Auch die Versuche zur Verbesserung der Minderheitenrechte blieben in der Mehrzahl der Fälle stecken; die estnische Minderheiten-Autonomie blieb ein Vorbild ohne allzu viel Nachfolge. Rothfels war dennoch weit davon entfernt, deutschen Machtwillen herauszukehren, von dessen Kontraproduktivität er überzeugt war. Er plädierte immer wieder für die geduldige „Überwindung des Argwohns“ und für die „sachliche Überzeugungskraft“, für das „werbende Bewußtsein einer Idee“ und für die Durchsetzung ihrer „lebensmäßigen Notwendigkeit“, auch über die ökonomische Nützlichkeit hinaus.
Dabei war Rothfels’ Gesamturteil über die ostmitteleuropäische Situation in mancher Hinsicht näher an der dortigen politisch-gesellschaftlichen Realität als viele meinten. Seit Beginn der dreißiger Jahre hatten die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf diesen Raum voll durchgeschlagen. Sie verschärften die innenpolitischen Konflikte zusehends. Mit den Nationalitätenkonflikten verknüpften sich die ungelösten sozioökonomischen Gegensätze, auch die offen gebliebenen Agrarkonflikte zwischen Großgrundbesitz und Landarmut. Im gesamten Raum zwischen Estland und Bulgarien zeigten sich die nationaldemokratisch-parlamentarischen Verfassungsordnungen und Parteiensysteme ein Jahrzehnt nach ihrer Etablierung – mit Ausnahme der Tschechoslowakei – zunehmend untauglich zu den dringenden Problemlösungen und machten autoritären und diktatorischen Lösungen Platz. Als erstes Land verließ Polen mit einem Militärputsch seines „starken Mannes“, General Josef Pilsudski, im Mai 1926 den parlamentarischen Weg. Die neuen „Sanacja“-Regierungen, die die Gesundung („Sanierung“) der Lage versprachen, konnten die von einem entmachteten Parlament drapierte faktische Militär- und Beamtendiktatur kaum verbergen. Hier zeigte sich auch sogleich das Phänomen, daß die Regierungen versuchten, aus den inneren Schwierigkeiten in eine verschärfte nationalistische Außen- und Minderheitenpolitik zu flüchten. In Südslawien mündete der unnachgiebige Hegemonialwille der Serben in wachsenden serbisch-kroatischen Spannungen und schließlich, nach der Ermordung des Kroatenführers Ante Radic im Belgrader Parlament 1929, in der Errichtung einer „Königsdiktatur“. Auch die ungarische Feudalschicht versuchte, ihre ungelösten soziopolitischen Probleme durch die Zuflucht zu einem autoritären Reichsverwesersystem mit einem schwachen Parlament zu lösen. Mit ähnlichen Entwicklungen folgten im Verlauf der dreißiger Jahre Rumänien, Bulgarien und Griechenland sowie die drei baltischen Staaten. Die ungelösten gesellschaftlich-politischen Probleme ließen auch den Schatten wachsen, den die Sowjetunion auf die labile zwischeneuropäische Region zu werfen begann. Kommunistische Aufstandsversuche konnten verschiedentlich, so in Estland und Bulgarien, nur mittels autoritärer Methoden und Institutionen niedergeworfen werden. Es waren diese Entwicklungen, die Hans Rothfels von dem „Chaos“ sprechen ließen, das in diesem „östlichen Raum lauert und ihm von außen droht“, Entwicklungen, die nach seinem Urteil teilweise den Grad der „Selbstzersetzung“ erreicht hatten. Je deutlicher es wurde, daß die „festgewordenen politischen und gesellschaftlichen Konventionen des Westens“ scheiterten, desto dringlicher erschien Rothfels eine „sinnvolle Neuordnung dieses Raumes, die sich von allen imperialistischen Tendenzen prinzipiell unterscheidet“, die Aufgabe „neuer sozialer Gestaltungen und bündischer Formen des Zusammenlebens der Völker“. Erneut zeigte sich die Verflechtung der Deutschen Frage mit den Verhältnissen an ihrer „autonomen Ostseite“, galt es zu erkennen, „daß im Osten unser Schicksal liegt“ und die deutsche Politik hier die Aufgabe der „Eindeichung und Ordnung“ zu übernehmen habe.
Eine heute nicht seltene post-hoc-Perspektive mit ihren entsprechenden moralischen Urteilen macht es sich leicht, Rothfels' Vorstellungen zur ostmitteleuropäischen Neuordnung als illusionär, reaktionär oder – widersprüchlich genug – als Wegbereitung der nationalsozialistischen „Ostpolitik“ zu denunzieren. Ein besonnenes historisches Urteil wird jedoch die um 1930 grundsätzlich „offene“ Situation vergegenwärtigen, um zu einem den damaligen Zeitgenossen gerecht werdenden Urteil zu gelangen. Auch der Standort von Hans Rothfels stellt sich dann als Versuch dar, zwischen der Scylla des krisengeschüttelten ostmitteleuropäischen Status quo und der Charybdis sich ankündigender Totallösungen hindurchzusteuern. Das hätte den Protagonisten der letzteren die Möglichkeit verschlossen, das in diesem Raum vorhandene Krisen- und Konfliktpotential für ihre – sich nur allmählich und schrittweise enthüllenden – rassenimperialistischen Ziele zu instrumentalisieren. Gerade aus dem wachsenden Abstand zu diesem spezifischen Schauplatz des „totalitären Zeitalters“ wird deutlich, welche anderen Wege die europäische Geschichte hätte gehen können, wenn Lösungen jenes „dritten Weges“, wie sie auch Hans Rothfels vertrat, die Chance der Verwirklichung gehabt hätten. Stattdessen vollzog sich die Dialektik von integralem Nationalismus und totalitärem Imperialismus (in seiner doppelten Gestalt), die den Raum „zwischen Reval und Bukarest“ in den Abgrund der „Flurbereinigungen“ und „Endlösungen“ stürzte.
Beim Abschied von Berlin 1926 hat Rothfels bekannt, daß nach dem Erlebnis des Zusammenbruchs und politischen Umbruchs von 1918/19 für ihn die Geschichte „die einzige Möglichkeit geworden und geblieben (war), nach dem Maße meiner Kräfte für Außerpersönliches, für Staat und Nation zu wirken“. Die autobiographische Äußerung gibt einen Hinweis darauf, daß die Grundzüge seines historisch-politischen Denkens in seinen geschichtswissenschaftlichen Arbeiten und in seiner politischen Publizistik präsent sind. Seine Auffassung vom „öffentlichen“ und „politischen“ Amt des Historikers versuchte, ein Höchstmaß an Wahrheitsstreben und differenzierter Einsicht in die historische Komplexität mit dem Bewußtsein der Notwendigkeit zu verbinden, daraus Daseinsorientierung für das politische Gemeinwesen zu gewinnen. „Politische“ Geschichtswissenschaft hieß für ihn die „unmittelbare Relevanz historischer Einsicht für das politische Handeln“, „vom Katheder der Fachwissenschaft aus politische Fragen aufzugreifen und aus der Sicht des Historikers zu beantworten“. Hans Mommsen hat Rothfels’ Werk als Versuch gekennzeichnet, „eine Synthese der deutschen Geschichte auf jeweils veränderter Entwicklungsstufe zu erreichen, Tradition zu stiften, ohne in den Geruch des Reaktionären zu gelangen, neue Zielsetzungen zu entwerfen, ohne für unerläßlich betrachtete Elemente der nationalen Überlieferung preiszugeben“. Dieser Grundimpuls ist in beiden Umbrüchen hervorgetreten, die Rothfels als Zeitgenosse erlebte – 1918 und 1945 –, und er wurzelte letztlich „ in seiner ausgeprägt protestantischen Grundhaltung, im Gedanken des Dienstes gegenüber der Gemeinschaft“. Diese Grundhaltung schloß eine eifersüchtig gehütete geistige und wissenschaftliche Eigenständigkeit ein, die ihn hinderte, sich gewissen Zeittendenzen vorbehaltlos anzuschließen, war es nun etwa die „Volksgeschichte“ in der Wissenschaft oder der „Jungkonservatismus“ in der Politik. Diese Eigenständigkeit zeigte sich darin, wie er nach 1918 die aktuelle Kriegsschulddiskussion vertiefte durch die kritische Auseinandersetzung mit der wilhelminischen Ära und durch die Revision des mehrheitlich nationalliberalen Bismarckbildes. Und nach 1945 war es sein Buch über die deutsche Opposition gegen Hitler, mit dem es Rothfels darum ging, „eine Perspektive zu entwickeln, die es einerseits ermöglichte, an die deutsche Tradition in einem werthaften Sinn wieder anzuknüpfen, andererseits den qualitativen Sprung zu begreifen, der mit dem unerhörten Geschehen des Dritten Reiches verbunden war und der seiner Überzeugung nach zu einer Umwertung der Werte, zu einem neuen Verständnis des ‚Menschlichen‘ geführt hatte“. Wenn Klemens von Klemperer Rothfels als „a conservative man in the broadest and best sense of the word“ genannt hat, beruht das auf seinem spannungsreichen Bemühen um historiographisch differenzierte Traditionsbildung mit dem Ziel konstruktiver moralisch-politischer Gegenwartsorientierung.
Rothfels’ historisch-politisches Denken, zumal in den Königsberger Jahren, kreiste um den „geschichtlichen Standort der Reichsgründung“ von 1871. Ihn sah er in einem konstitutiven Zusammenhang mit den Jahren von 1806 bis 1813, als Preußen sich in der europäischen Mitte zwischen dem „jakobinischen“ und dem „kosakischen“ Imperium zu behaupten gewußt hatte und damit die Voraussetzungen für das Werk Bismarcks schuf. So wie Preußen 1807 auf seine östlichste Provinz „zurückgestaut“ worden war und in Tilsit mit knapper Not seine Existenz sicherte, so ging es auch nach dem Ersten Weltkrieg, unter dem Druck von Versailles, um die Entbindung eines Reservoirs der Reform und Erneuerung. Die preußischen Reformer hatten damals daran gearbeitet, daß „die Untertanen in eine verantwortliche Beteiligung am Gemeinwesen eintreten“ und „die den Staat tragende Schicht im ganzen verbreitert und vertieft wurde“. Auch jetzt ging es wieder um die „Absage an das bloß private Dasein des Bürgers“ und sollten die Schranken durchbrochen werden, „die privates und öffentliches Dasein, Freiheit und Macht, Kultur und Staat bisher getrennt hielten“. Das war das Vermächtnis des Reformwerks des Freiherrn vom Stein mit seiner Ausrichtung auf „überegoistische Ziele“ und das allgemeine Beste, dem Vorrang der Pflichten vor den Rechten und der Abwehr eines politisch-bürokratischen Zentralismus französischer Prägung durch die Erneuerung des „deutschen Staatsgedankens“, der föderativ-korporativen Verfassungstradition des alten Reiches.
Zu den Vorbedingungen
der Reichsgründung von 1871 hatten nicht zuletzt zwei Bewegungen gehört, die
aus Ostpreußen hervorgegangen waren, das durch sie zur „Wiege der preußischen
Staatsreform und der deutschen Erhebung von 1813“ geworden war: Da waren die
Impulse, die von Johann Gottfried Herder und Johann Georg Hamann herkamen und
den Volkstumsgedanken erweckt hatten und damit „die Achtung vor der ursprünglichen
Kraft gerade auch der jüngeren Kulturen im Osten“, jener „gemüthaften und
volkstümlichen Kräfte“ der Völker, mit denen das deutsche Volk seit
Jahrhunderten „im Gemenge“ lag. Und da war die politische „Überlieferungsreihe“
vom deutschen Ordensstaat über die Reformation bis zur Vollendung und Überwindung
der Aufklärung in der Philosophie Immanuel Kants mit seiner Fortbildung des
reformatorischen Prinzips zu sittlicher Selbstbestimmung, die Leidenschaft und
Egoismus überwindet durch die Disziplinierung des Ich in der Erfüllung der
Pflicht. In das „Meerland“ Ostpreußen mit seinen mannigfachen
Verbindungslinien in die Länder der Ost- und Nordsee hatten auch von außen
freiheitliche Ideen hineingewirkt, nicht zuletzt durch die Zuziehenden bis hin
aus Flandern, Holland, Schottland. So waren hier die ständischen Schranken
schon durchlässiger geworden als etwa in Ostelbien, waren zwischen Adel und Bürgertum
Familienbande und Freundschaften entstanden, woraus ein der englischen Gentry
vergleichbarer Typus erwuchs und nicht zuletzt auch eine neue Generation von
Beamten, die nach 1807 auf ihrem Heimatboden Mitarbeiter des Freiherrn vom Stein
in der großen Reform wurden wie die Gebrüder Friedrich Leopold und Karl
Wilhelm von Schroetter, Hans Jakob von Auerswald und dessen als Kind eines Domänenpächters
geborener Schwiegersohn Theodor von Schön, allesamt selbständig denkende, den
Ideen der Zeit verbundene und sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlende
„politische“ Beamte, die die zum Teil noch lebendige ostpreußische
Freiheitstradition in die Steinsche Bauernbefreiung und Städteordnung
einbrachten.
Einer von ihnen, Theodor von Schön, steht nicht zufällig am Beginn von Rothfels’ Studie über den geschichtlichen Ort der Reichsgründung und ihm galt noch seine letzte große Quellenpublikation im Jahr 1937 vor seiner Vertreibung aus Deutschland. Schön verkörperte offensichtlich – ähnlich wie Clausewitz – Rothfels’ Ideal der Einheit von Theorie und Praxis, Philosophie und Leben, einen liberalen preußischen Konservatismus im Sinne der Reformer, den Rothfels in der Charakterisierung Schöns wie folgt umriß: „liberal-aristokratisch gegenüber der bevormundenden Berliner Bürokratie, dem ‚katholischen‘ System der Beamtenherrschaft, das die Verantwortung lähme, durchaus bestrebt, aus der Selbstbestimmung der Persönlichkeit die stärksten moralischen Antriebe herauszuholen, aber abwehrend das demokratische und das nationalstaatliche Prinzip“.
Es war der volle Ton von Kant bis Hegel, wenn Rothfels Schöns Verständnis des Staates als „Reich der Freiheit“ zitierte, das der Nation hingegen als „bloße Natur“, „physischer Zufall“, zum „Reich der Sinnlichkeit“ gehörend. Mit der Freude an Schöns bildhafter Sprache zitierte Rothfels wiederholt dessen Satz: „Die Idee des Staates ist der Grundton der Kultur, die Nationalitäten sind Nebentöne, welche ihm folgen“, diese verhalten sich zu jenem „wie Tasten zum Pianoforte“. 1848 nannte Schön im Zusammenhang mit dem nationalen Aufbruch die Bestimmung der Staatsgrenzen von der Nation her mit einem drastischen Ausdruck „politische Cholera“; Nationalität könne zwar auf einer noch niederen historischen Stufe den Anstoß zur Staatsbildung geben, so wie bei „Kalmüken, Tartaren und afrikanischen Mohrenreichen“. Dann aber werde in der weiteren geschichtlichen Entwicklung der Staat recht eigentlich zur „Basis der Kultur“ und zur „Voraussetzung der zivilisierten Welt“, indem er Eigentum schütze und die Bedingungen geistiger und moralischer Höherbildung schaffe. Erst durch den Staat schien Schön „volles Leben in unbedingter Gesetzlichkeit und Ordnung und in vollem Anerkenntnis der unveräußerlichen Menschenrechte“ möglich. Nur durch den Staat und in ihm würde der einzelne in die Lage versetzt, in seinen Mitbürgern freie Menschen zu sehen und ihnen entsprechend zu begegnen. Hier waren „Weltbürgertum und Nationalstaat“ noch eng miteinander verflochten, wie es auch die idealistische Staatsphilosophie und die Mehrzahl der preußischen Reformer sah. Auch Schön knüpfte in der Antithese zur individualistischen Vertragslehre der Aufklärung an die klassische naturrechtliche societas civilis an.
Hier haben wir die Quellen auch der Staatsvorstellung von Hans Rothfels, für den der Staat „geschichtlich ordnendes Prinzip und objektiver Geist“ war, Bedingung der Kultur und Voraussetzung des höheren Lebens, die den Menschen über die bloßen „Naturtatsachen“, über den Egoismus des einzelnen und der gesellschaftlichen Gruppen erhebt. Sein Maßstab ist die Kulturstaatsidee in ihrer Dialektik und Synthese von öffentlichem und privatem Dasein, Staat und Kultur, Freiheit des einzelnen und Selbstbehauptung des Ganzen durch den Staat. Rothfels hat diese Idee an drei exemplarischen Gestalten des 19. Jahrhunderts – Clausewitz, Schön und Bismarck – auf ihre Anwendbarkeit in der historisch-politischen Wirklichkeit hin geprüft und schließlich auch für die eigene Gegenwart als tragfähig, ja notwendig gefunden, vorausgesetzt, daß man sie in ausreichender historischer und philosophisch-anthropologischer Tiefe zu verankern vermochte, um als kategorischer Imperativ politischen Denkens und Handelns zu wirken und dann auch für die Aufgaben der Reform und Erneuerung wieder Blüte und Frucht treiben zu können.
Dieses Zentrum des politischen Denkens von Hans Rothfels strahlte dann in seine gesellschafts- und verfassungspolitischen Überzeugungen ebenso aus wie in seine Lösungsvorschläge für die ostmitteleuropäischen Nationalitätenprobleme. Mit Bismarck teilte er die lutherisch-konservative Skepsis gegen die „atomisierenden“ Tendenzen der bürgerlich-industriellen Gesellschaft, ihre „Anarchie menschlicher Willkür“ und subjektiven Meinens, gegenüber der „optimistischen Weltsicht des Liberalismus und der Harmonielehren des Westens“ wie auch gegen die angebliche Selbstgesetzlichkeit des Ökonomischen. Hier ging es darum, „in die zur Summe von Individuen sich auflösende bürgerliche Gesellschaft neue Bindungen einzulassen“. Und es schienen Rothfels keine „überholten Wunschbilder“ zu sein, sondern ganz aktuellen Bedürfnissen zu entsprechen, wenn er zum Beispiel in Fortführung von Bismarcks Sozialgesetzgebung und Verfassungsdenken für eine „neue ständische Durchgliederung des Volkskörpers“ plädierte. Und wie im Inneren korporativ-föderative Institutionen und Verfassungselemente der Stabilisierung der modernen Gesellschaft dienen sollten, so erschienen Rothfels auch in der ostmitteleuropäischen ethnisch-nationalen Misch- und Konfliktzone nach 1919 föderalistische, „zum nationalen Ausgleich entschlossene“, transnational überwölbende gesellschaftlich-politische Baumuster als so etwas wie ein „dritter Weg“ jenseits der scheinbar entgegengesetzten und doch einander letztlich so nahen Möglichkeiten des nationaldemokratischen „cuius natio, eius regio“ oder eines völkisch-rassistischen Fundamentalismus, die beide in nationale „Flurbereinigungen“ und „Endlösungen“ zu führen drohten.
Die historische Vergegenwärtigung dieser Position und der für die Zeitgenossen „offenen“ Situation zu Beginn der dreißiger Jahre ist auf das hohe Maß des Konsenses zu beziehen, in dem sich das Denken und Wirken des Königsberger Historikers mit großen Teilen der deutschen und der internationalen Öffentlichkeit befand. Allenthalben finden sich damals aufschlußreiche Parallelen, so etwa in den Denkweisen und Aktivitäten an der anderen östlichen „Grenzlanduniversität“, in Breslau. Wenn auch mit stärker liberal-demokratischen Akzenten als in Königsberg stand auch hier die Grenzland- und Volkstumsarbeit im Zeichen einer künftigen föderativen Ordnung „Zwischeneuropas“. Die „Schlesische Jungmannschaft“ im Boberhaus bei Löwenberg leistete hier Bildungsarbeit für die junge Generation von Studenten, Industriearbeitern und Bauern mit dem Ziel der Überwindung der Klassen- und Parteigegensätze in einer wahren „Volksgemeinschaft“. Die Führer der Jungmannschaft, James Graf Moltke, Horst von Einsiedel und Carl Dietrich von Trotha, finden wir später mit den Erneuerern in der Sozialdemokratie wie Julius Leber, Carlo Mierendorff, Adolf Reichwein, Theodor Haubach im Kreisauer Kreis wieder. Sie alle verfochten die Integration des „Vierten Standes“ der Arbeiterschaft in die nationale Volks- und Kulturgemeinschaft, so wie einst die preußischen Reformer durch den Appell an den „dritten Stand“ neue Impulse für den Staat gewonnen hatten. Leber zählte sie zu „den Besten der Nation“ und sah sie in einer positiven Traditionslinie bis hin zu Lassalle und Friedrich Ebert. In seinen „Gedanken zum Verbot der deutschen Sozialdemokratie“ vom Juni 1933 kritisierte Leber mit Schärfe den „marxistischen Doktrinarismus“ seiner Partei, die deshalb für die im Krieg heimatlos gewordene bürgerliche Jugend, „die ein neues Vaterland suchte“, ohne Anziehungskraft geblieben war. Ähnlich erkannte der junge Staatsrechtslehrer Hermann Heller, aus Teschen in der Donaumonarchie stammender Kriegsteilnehmer, seit dem Kapp-Putsch 1920 SPD-Mitglied und entschiedener Anwalt der Republik, die Notwendigkeit der Versöhnung von „Sozialismus und Nation“, wie er in einer gehaltvollen Schrift unter diesem Titel im Jahr 1925 darlegte. Grundübereinstimmungen hinsichtlich der geistigen und politischen Aufgaben sind in dieser Kriegsgeneration (Leber, Heller und Hans Rothfels waren allesamt Jahrgang 1891) bei allen äußerlichen Standortunterschieden beachtlich. Heller wollte das „individualistische Ideal des liberalen Bourgeoisiestaates“ durch das Ziel eines „nationalen Kultursozialismus“ überwinden und verstand die Nation als „Werte-, Kultur- und Willensgemeinschaft“ in der Spur der Philosophie Fichtes und Hegels. Mit weiten Teilen der Jugendbewegung und der Kriegsgeneration konstatierte auch er ein Erlahmen der kulturschaffenden Kraft des Bürgertums. In der Überwindung der Klassenspaltung durch eine neue national begründete und zu einem europäischen Bundesstaat hin geöffnete Kulturgemeinschaft, in der Synthese von Kulturstaat und Machtstaat im Sinne Hegels sah auch er eine tragfähige Zukunftskonzeption.
Aus den Prämissen der wissenschaftlichen Arbeit und des politischen Standorts von Hans Rothfels ergibt sich eine prinzipielle Unvereinbarkeit seines Denkens mit der nationalsozialistischen Weltanschauung. Während der totalitäre Machtwille Hitlers und seiner Bewegung die moderne Massengesellschaft für eine Ziele erfolgreich zu instrumentalisieren wußte, ging es Rothfels’ konservativer Prägung um ihre Überwindung durch föderativ-korporative Gestaltung in den Spuren des preußisch-deutschen Staatsgedankens, der Synthese von Selbstbehauptung des Ganzen im Staat und personaler Freiheit. Hier teilte er manche Elemente des bündischen und jungkonservativen Politikverständnisses, ohne daß dies seine geistige Eigenständigkeit beeinträchtigte. Mit dessen grundsätzlicher Kritik an der nationalsozialistischen Praxis der Massenorganisation und der Machtgewinnung durch raffinierte Massenpropaganda mit ihren „großen Negationen“ und den entsprechenden Feindbestimmungen konnte er übereinstimmen. Hier verachtete man allenthalben die „Spießbürger und Landsknechte“, die sich in der NSDAP zu einer „recht imponierenden Institution der Massendemokratie“ sammelten. Dieser „Stimmzettelrevolution“ mit ihrer „Inhaltslosigkeit radikaler Phrasen“, die an „die beschränktesten unter den Massen“ appellierte, konnte die notwendige geistig-seelische Erneuerung nicht gelingen. Hier stellte man dem „sozialistischen Massenkollektivismus“ der Nationalsozialisten einen „konservativen Korporatismus“ entgegen, der die natürliche Gliederung der Gemeinschaft und die „selbstgewählte Bindung der Persönlichkeit“ achtete und stärkte. Hier erkannte man die totalitären Gefahren des Führerstaates, der zu allmächtiger Bürokratie und „völkischer“ Uniformierung führen mußte. Dem NS-Führerprinzip mit seiner hierarchischen Unterordnung, ja sklavischen Unterwerfung stellte man das genossenschaftlich-korporative Prinzip der Selbstverwaltung und autonomen Gestaltung durch kulturschöpferische Persönlichkeiten entgegen, ein Verständnis von Führung als „der Gemeinschaft verantwortliche Beauftragung“. In der Abwehr des biologistisch-materialistischen Verständnisses der Rasse hatte schon Arthur Moeller van den Bruck die Sätze formuliert: „Die geistige Rassezugehörigkeit gehorcht anderen Gesetzen als die biologische Rassezugehörigkeit. Die Rasseanschauung darf nicht zu einer deutschen Problematik führen, indem sie Menschen, die ihrer Rasse aus geistigen Gründen angehören, aus biologischen Gründen ausschließt“. Dies traf auch die Quintessenz der Überzeugung von Hans Rothfels zu diesem Punkt.
Auch und nicht zuletzt in den ostmitteleuropäischen Fragen ging es um einen kategorialen Gegensatz zwischen dem historisch-kulturellen Staatsverständnis eines Historikers wie Hans Rothfels und dem „ahistorischen Grundzug“ und „chiliastischen Politikverständnis“ der Nationalsozialisten. Zwischen Rothfels’ insgesamt auf nationalen Ausgleich mit den osteuropäischen Völkern bedachten Lösungsvorschlägen und der nationalsozialistischen „systematischen Volksbodenpolitik“ mit ihrer „zynischen Mißachtung geronnener Strukturen“ konnte der Abstand nicht größer sein, der in unvereinbaren Menschen-, Geschichts- und Staatsverständnissen gründete. Wie an den Verhältnissen an der Königsberger Universität vor und nach 1933 zu zeigen war, waren hier auch „tiefe ostpolitische Gräben zwischen Konservatismus und Nationalsozialismus“ offenkundig. Auch wo die Königsberger Historiker Begriffe wie „Volk“ oder „völkisch“ verwendeten, geschah dies in einem deutlich historisch-kulturellen Kontext und einem „Pluriversum gleichberechtigter Völker und Kulturen“ im ostmitteleuropäischen Raum.
Die ostmitteleuropäischen Probleme der Zwischenkriegszeit und sein eigener Beitrag zu ihrer Lösung wurden von Rothfels auch über die tiefe Zäsur von 1945, über die eigene Emigration und den Wiederbeginn in Deutschland hinweg, nicht abgetan. Sie blieben für ihn lebendig und wichtig. Noch während des Krieges und kurz danach hat er versucht, seinem angelsächsischen Publikum diese Fragen im Zusammenhang mit den russisch-mitteleuropäischen und baltischen Problemen sowie der Massenvertreibungen bei Kriegsende nahezubringen. Mit Selbstverständlichkeit knüpfte er in seiner Tübinger Antrittsvorlesung im November 1952 an die einstige Königsberger Thematik an. Auch jetzt noch erschien es ihm als eine „offenbare Paradoxie“, wie die Friedensmacher 1919 gleichzeitig die Idee des Völkerbundes und der nationalen Souveränität verfochten: „Es zeigte sich, daß der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts in der Anwendung auf einen Raum intensiver ethnischer Durchkreuzungen und auf Gebiete vielnationaler Struktur keine fortschrittliche, sondern eine überholte, ja eine reaktionäre Lebensform war. Sie führte zu einer Zerreißung wirtschaftlicher und kultureller Zusammenhänge und zu nationalistischen Exzessen, gegen die der Minderheitenschutz des Völkerbundes nur sehr unvollkommene Abhilfe bot. Zugleich ‚balkanisierte‘ sie einen Raum, der von der revolutionären Welle des Ostens bedroht war und der auch im Innern über keine gesicherte Gesellschaftsordnung und keine standfeste bürgerliche Schicht als die Basis nationalstaatlicher Bildungen verfügte“. Auch jetzt, beim Neuanfang in Tübingen, sprach er von dem „Glück, in jenen Jahren an der nordöstlichsten Universität Deutschlands“ tätig gewesen zu sein und erschien es ihm keiner zusätzlichen Begründung bedürftig, daß damals, unter den Wirkungen von Versailles und der „Revolutionierung Europas durch den Ersten Weltkrieg im öffentlichen wie im beruflichen Leben die Aufgabe geistig-kultureller, aber auch politisch-nationaler Selbstbehauptung in einer zersplitterten Grenzzone stark in den Vordergrund trat“. Doch über Abwehr und Polemik hinaus habe die Aufgabe damals „einem neuen Durchdenken gesellschaftlicher, politischer und nationaler Lebensformen“ gegolten, „weniger einer Revision der Grenzen als einer Revision der Gesinnungen“. Für die damaligen ostdeutschen Universitäten habe es „des antreibenden Erfahrungsmaterials genug“ gegeben, um hier einen öffentlich-politischen Auftrag zu erfüllen. Wenn in „Zwischeneuropa“ von 1919/20 rund 30 Millionen Menschen (einem runden Drittel der Gesamtbevölkerung der Region) das Leben im eigenen Staat verwehrt und die Existenz in fremdnational beherrschten Staaten auferlegt war, war das Grund genug zu „einem tieferen Infragestellen des Ideals der Uniformität (des ‚cuius regio, eius natio‘) und „die Gegebenheit völkischer Vielfalt ernstnehmend zu bejahen und positiv zu wenden. Statt sie mit Gewalt oder mit der stilleren Wirkung des demokratischen Mehrheitswillens oder mit einer Mischung von beidem anzugehen, kam es auf Formen innerer Befriedung und Auflockerung an“.
Auch die Suche nach den Wurzeln der deutschen Opposition gegen Hitler führte Rothfels noch einmal zurück in die „östlichen Provinzen des Nach-Versailles-Deutschland“. Unverkennbar zählten die Fragen einer menschengerechten Ordnung Ostmitteleuropas, die an den Universitäten Königsberg und Breslau in den zwanziger Jahren diskutiert wurden, zu den ideengeschichtlich bedeutsamen Wurzeln des deutschen Widerstands gegen die totalitäre Diktatur. So war es nur folgerichtig, daß Rothfels gerade in seinem Buch über die deutsche Anti-Hitler-Opposition noch einmal die Bilanz seines Wirkens jener Jahre in Königsberg gültig zusammengefaßt hat: „Die grundsätzlichen Fragen, die hier in Vorlesungen und Seminaren, studentischen Vereinigungen und Freizeiten erörtert wurden, bezogen sich auf eine Grenzlandzone, in der Deutsche und Nicht-Deutsche in einem solchen Grad miteinander verschränkt und vermischt waren, daß der westliche Begriff des souveränen Staates und der politische Nationsbegriff des 19. Jahrhunderts zu einem reaktionären Schatten verblaßten. Man erörterte hier aufs ernsthafteste übernationale und föderalistische Lösungen, eine Trennung der Nationalität vom Politischen, wofür die Form kultureller Selbstverwaltung (Autonomie) sich theoretisch darbot und praktisch in Estland erprobt wurde; man suchte nach Maßstäben zwischenvölkischer Sittlichkeit, die für Minderheiten beiderseits der Grenzen bindend sein sollten. Der ganze Nachdruck dieser Bemühungen kreiste um das Problem des Friedens zwischen Völkern als einzig gesunder Grundlage für Frieden unter Staaten“.